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Wohin mit unseren Ängsten und Unsicherheiten, die unser Leben durchziehen?

Matthias Uhlich • 24. Februar 2022

Teisho Februar 2022



Wohin mit den Ängsten und Unsicherheiten, die unser Leben durchziehen?

In der letzten Zeit, bin ich bei Dokusan-Gesprächen immer wieder darauf angesprochen worden, wie schwer es Menschen in diesen Tagen ist, mit den verschiedenen schwierigen Situationen, die wir in unserer Gesellschaft leben, umzugehen.

Und in der Tat es ist nicht einfach all die Spannungen, die gerade unser Miteinander durchziehen, auszuhalten.
Da ist auf der einen Seite sehr viel Angst und Unsicherheit um Corona, die Angst andere anzustecken oder von anderen angesteckt zu werden.
Da ist aber auch viel Unsicherheit, über die Informationen, die wir bekommen und die unklare Rolle der Medien in der gesamten Berichterstattung, denen manche einfach nicht mehr trauen können. 
Da ist aber auch ein großes Potenzial an Aggressionen in unserem Miteinander, das manche von uns sehr intensiv wahrnehmen und nur schwer damit umgehen können.

Dazu kommt auch die Angst vor Krieg und Gewalt zwischen Russland und der Ukraine und deren unabsehbare Folgen für unser Leben hier in Westeuropa.

In Gesprächen wird mir immer wieder gesagt, wie soll ich das aushalten, wie soll ich damit umgehen, wie wird es weitergehen, was soll noch aus all dem werden?
Für viele sind es sehr elementare und bedrückende Fragen und es scheint irgendwie keinen Ausweg oder überhaupt einen Weg zu geben.

Damit ist ein strukturelles Problem für uns alle, die wir meditieren, angedeutet, beziehungsweise schon sehr gut beschrieben: je mehr wir in die Stille kommen, je mehr wir zur Ruhe finden, umso mehr und intensiver nehmen wir die Unruhe und die Spannungen um uns herum wahr. 
Durch die Meditation sind wir durchlässiger, sensibler und auch schutzloser all dem ausgesetzt, was um uns herum geschieht.

Und das ist auch richtig so, denn unsere Übung heißt ja, bewusst den Augenblick, das Jetzt wahr-zunehmen. Und damit nehmen wir natürlich auch all das wahr, was andere Menschen oftmals so überhaupt nicht aufnehmen können, sich bewusst machen.
Mir scheint, dass vielen, die mit uns leben, gar nicht klar ist, was gerade alles auf dem Spiel steht. 
Da mutet das kleinkarierte Kreisen um ein Virus eher sehr unbewusst an.

Aber was können wir machen? 
Was sollen wir tun? 
Sind wir denn überhaupt noch auf dem richtigen Weg?
Wir haben doch eigentlich die Ruhe gesucht und begegnen nun in einer sehr intensiven Weise der Unruhe. 
Ist es das, was wir uns unter Zen-Meditation vorgestellt haben?
Sicher nicht.

Und dennoch sind diese Phänomene Teil des spirituellen Zen-Weges.
Im ZEN gehört immer beides zusammen, die kontemplative Ruhe und Gelassenheit auf der einen und das sich dem Leben auf dem „Marktplatz“ stellen, auf der anderen Seite.

Und auf dem Marktplatz begegnen wir gerade sehr viel Unruhe, Spannungen, Zerrissenheit, Unsicherheit, Misstrauen, Schuldzuweisungen und Angst - und damit verbunden ist für viele Menschen auch die Suche nach etwas, was uns Orientierung und Hilfe sein kann, in einer Zeit, in der für manche wenig Vertrauenswürdiges mehr zu finden ist.

Dieser Tage erzählte mir jemand eine kleine Begebenheit, von einer Begegnung auf dem Domplatz bei den Spaziergängern. 
Die Person stand unmittelbar neben dem Geschehen, das ich jetzt nicht weiter skizzieren möchte, und beobachtete, was geschah. Am nächsten Tag las sie zu diesem Ereignis den Bericht in der PNP und war höchst erstaunt, was da der Journalist berichtet.
Es war so ziemlich das Gegenteil von dem, was sie selbst beobachtet hatte. 

Damit ist ziemlich gut ein Problem unserer Tage skizziert.
Die Presse und deren Berichterstattung scheint in manchen Dingen nicht mehr mit der Realität übereinzustimmen, die Menschen von der Wirklichkeit haben. 
Und da entsteht plötzlich ein großes Misstrauen, eine Empörung und Ärger über das, was uns da mitgeteilt wird.

Vielleicht sollten wir in diesem Zusammenhang noch einmal einen Blick auf den Journalisten und dessen Situation werfen. 
Der Journalist ist von einer Zeitung angestellt, die eine bestimmte politische Richtung vertritt. Vielleicht hat der Journalist Familie, hat einen Kredit ab zu zahlen oder wie auch immer, er muss seinen Lebensunterhalt in irgendeiner Form absichern. 
Der gute Mensch weiß nun ganz genau, dass er seinen Artikel, wenn er ihn verkaufen will, so gestalten muss, dass sein Vorgesetzter ihn auch akzeptiert und er am nächsten Tag in der Zeitung, die für eine bestimmte Haltung steht, veröffentlicht wird.

Sarah Wagenknecht hat kürzlich in einem kleinen Gespräch gezeigt, wie sich in den letzten Jahren unsere Medienlandschaft verändert hat. Sie machte deutlich, dass aus den ehemals über 200 Unternehmern, die den journalistischen Markt mit Informationen versorgten, nunmehr 20 übrig geblieben sind, die die ganze Medienwelt beherrschen. Das geht auf Kosten der Vielfalt aber auch einer kritischen Berichterstattung.

Bitte versteht nicht falsch, ich möchte an dieser Stelle niemanden kritisieren oder gar verurteilen.

Vielmehr scheint mir die Frage, die wohl manche von uns umtreibt, wichtig: Wie sollen wir mit dieser Situation umgehen? 
Die Situation der Spannung und Angst, der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins z.B. im Falle eines Impfzwanges und der Unsicherheiten, die von verschiedenen Seiten geschürt werden.
Gerne würde man etwas tun, aber uns scheinen die Hände gebunden.
Ja, man kann auf die Straße gehen, aber das ist nicht jeder Manns und jeder Frau Sache. Ob und was es bewirkt, das weiss wohl niemand so recht.

Ihr kennt meine Gedanken zum Thema Coronavirus und in dem Zusammenhang auch die Frage, was haben wir in diesem Zusammenhängen zu lernen, ja schon ganz gut. Und ich möchte gerne zwei Aspekte für diesen Vortrag noch einmal hervorheben.

Zum einen möchte ich sagen, dass ich glaube, dass das Virus die Wahrheit, die schon immer da war nun in einer ziemlichen Klarheit uns vor Augen stellt. Und das ist oftmals nicht so angenehm und einfach zu verkraften.
Die Wahrheit über unser gesellschaftliches Zusammenleben, die Wahrheit aber auch in unserem ganz persönlichen Umgang mit uns nahen Menschen und Freunden kommt ans Licht, ins Licht. Und das ist manchmal nicht leicht auszuhalten, was wir da an menschlichem Miteinander erleben.
Zum anderen sagt uns das Virus aber auch, dass wir uns mehr auf uns selbst besinnen sollen und uns nicht mehr im Aussen fest machen und auf die vielen Meinung anderer hören und gar uns auf sie gründen.
Das, was wir jetzt in der Presse und den öffentlichen Medien erfahren, macht es für manche von uns unmöglich, dieser Berichterstattung und diesen Informationen noch zu trauen.

In diesem Zusammenhang scheint mir die Aufforderung, die uns das Virus mit auf den Weg gibt, sehr klar zu sein, nämlich orientiere dich nicht mehr an den Anderen, im Aussen, sondern entwickle immer mehr die Fähigkeit in dich hinein zu spüren, in dir selbst Halt zu finden und Sicherheit.
Lerne ganz neu auf deine innere Stimme zu hören, deiner Intuition zu folgen - und vor allem zu trauen!

Aber wie soll das gehen, so fragen mich manche, wenn ich innerlich völlig durcheinander bin und überhaupt gar nicht weiss, was ich denken und fühlen soll; wenn die allgemeine Angst auch in mir steckt; wenn ich die Aggression und Spannungen der anderen auch in mir wahrnehme?

Ja, das ist richtig so, dass wir mit unserem Weg auf keiner Insel leben und die Erfahrungen der Menschen, mit denen wir zusammen sind, sich auch mitten durch unser Leben, durch unseren spirituellen Weg ziehen.

Es ist manchmal leicht gesagt - und in guten Zeiten fühlt es sich auch gut an, wenn uns die Mystiker ihre Erfahrung der Verbundenheit mit allem immer wieder mit auf den Weg geben.
Aber dieses Verbundensein mit allem heisst ja auch, dass wir genauso mit all dem Schwierigen und Schweren, was unsere Gesellschaft durchzieht, verbunden sind. All das, was die Menschen bewegt - und dabei scheint es mir unwichtig zu sein, ob die Menschen das bewusst wahrnehmen oder nur unbewusst ihr Leben gestalten.
Wir sind Teil des Ganzen und nehmen natürlich auch die Widersprüche und Spannungen der Menschen, in der Gesellschaft auf, sie gehen auch mitten durch uns hindurch.

Ihr kennt das Bild vom Netz, wo jeder von uns eine Masche dieses Ganzen ist und wir so alle miteinander auch verbunden sind.
Als Sangha sind wir wie ein Netz. Und wir speisen in dieses Netz ein und wir ziehen auch Kraft aus unserer Gemeinschaft, unserem Miteinander für unseren Weg.
Was im Kleinen für unsere Sangha gilt, das gilt auch in viel größerem Maße für das Zusammenleben mit den anderen Menschen. Auch mit denen sind wir verbunden, auch von denen nehmen wir auf und wir speisen auch in dieses große Netz der Gesellschaft ein. 

Für viele ist es nicht leicht das Schwierige, das sie gerade in unseren Tagen wahrnehmen auch auszuhalten. 
Und da sind immer wieder die Fragen, was soll ich, was sollen wir machen?

Als erstes scheint mir wichtig zu sein, dass wir bewusst wahr-nehmen was ist. 
Also eben nicht verdrängen oder so tun als wäre nichts, sondern unser Bewusstsein auch auf die Dinge richten, die schwierig sind, die uns bedrängen, die manchmal kaum noch auszuhalten sind.
Bewusstsein und nicht verdrängen ist eine wichtige Übung auf unserem spirituellen Weg. Manche von euch kennen meine Idee dazu, dass ich immer wieder sage, wenn du das Schwierige wahrnimmst, dann setz dich rein, dann nimm das an, was ist und wenn irgend es geht, dann halte dich darin aus.
Die Wandlung, die Veränderung kommt nicht dadurch, dass wir bestimmte Dinge ausblenden oder nicht wahrhaben wollen, sondern geschieht dadurch, dass wir das, was uns bedrängt und bedrückt wahr-nehmen und eben nicht verdrängen. 
In der Wahrnehmung deutet sich dann oftmals schon eine Wandlung an. 

Wenn wir verdrängen, nehmen wir uns die Möglichkeit der Veränderung.

Dinge wahrzunehmen heißt nun aber nicht, dass wir uns ständig damit beschäftigen und um sie kreisen. 
Die Anweisungen der alten Meister, die noch heute genauso gilt, heißt: Nimm die Dinge wahr, aber hafte an sie nicht an, sondern lass sie ziehen, lass sie immer wieder gehen in den offenen Raum unseres Seins.
Und in diesem Zusammenhang haben sie uns die Übung mit dem Atem, bzw. mit den Koans mitgegeben.
Nimm wahr was ist - und da ist es gleichgültig, ob du in deinen ganz persönlichen Dingen ge- oder befangen bist, oder ob dich die grossen gesellschaftlichen Probleme umtreiben. Nimm all das wahr aber identifiziere dich nicht damit, sondern lass die Dinge wieder ziehen, hafte nicht an. 
Verbinde all das mit deinem Atem, der kommt und geht. Und nur weil du ausatmest, den Atem wieder gehen lässt, kann der neue Atem kommen, kannst du einatmen, kannst du leben.

So auch mit den Dingen, die dich unablässig beschäftigen, bedrängen. Versuche über das Ausatmen die Dinge ziehen zu lassen, die dein Leben eng machen. 
Und über das Einatmen spüre dich wieder neu in deinem Körper, nimm so deine Einmaligkeit wahr, denn so wie du atmest, atmet sonst niemand auf der Welt. Spüre dich, nimm dich wahr so wie du bist. Und je mehr es dir gelingt bei dir zu sein, um so mehr wirst du frei von den anderen Menschen. 
Du findest dich und in dir deine Sicherheit, indem du dich so wie du bist wahr-nehmen und annehmen kannst.
Und so wirst du ein Gegenüber für die, die oft so unklar und ungewiss sind.

Je mehr es uns gelingen kann bei uns zu sein, und das was uns unablässig beschäftigen auch zu lassen, um so mehr kommen wir in einem ganz direkten Sinne zu uns und in unsere Mitte. Spüren uns und entwickeln immer mehr ein Gefühl dafür, was uns gut tut und was nicht. Und so werden wir immer weniger von anderen und deren Denken und Fühlen abhängig.
Je mehr wir es lernen können die Spannungen, die wir wahrnehmen, auszuhalten und dann auch wieder gehen zu lassen und damit zur Ruhe und in einen Frieden zu kommen, um so mehr können wir dann auch in unsere kleine Umgebung, in der wir tagtäglich leben - aber auch in das grosse gesellschaftliche Netz Ruhe und Frieden und vielleicht auch Wandlung einspeisen.






Matthias Uhlich
2/2022

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von Matthias Uhlich 19. Januar 2025
Teisho Raupe/Schmetterling Zum Beginn des neuen Jahres möchte ich gerne ein paar Gedanken zum Leben, zu unserem Leben versuchen. Es geht um das Vitale, auch wenn ich zunächst mit euch zu Grabstätten gehen will. Vielleicht kennen es einige von Spaziergängen über Friedhöfen, vor allem wenn man über alte, historische Anlagen geht, dass auf manchen Grabsteinen Symbole zu finden sind, die anders als die sonst üblichen christlichen Metaphern sind. Die sog. Freidenker im 19. Jh. waren es, die sich ganz bewusst von der christlichen Bestattungstradition distanzierten und sich verbrennen liessen und statt des Kreuzzeichens, andere Bilder, zum Teil aus der römischen bzw. griechischen oder germanisch-keltischen Tradition stammende Symbole auf ihren Grabsteinen verwendeten, so z.B., alte Runen oder die abgebrochene Säule, einen Lorbeer Kranz oder eine sich in den Schwanz beissende Schlange. Ein sehr häufig verwendetes Symbol, ist auch das Bild eines Schmetterlings, das auf einigen Grabsteinen platziert ist. Warum der Schmetterling? Er ist ein altes Gleichnis dafür, dass das Leben Veränderung, Entwicklung ist - auch wenn es so scheint, als fände da ein Sterben statt. Es ist die alte Frage, was passiert, wenn die Raupe stirbt? Stirbt sie wirklich oder geschieht hier nur eine Wandlung, eine Transformation von einem erdgebundenen, engen und begrenzten Dasein, hinein in eine völlig andere Dimension von Leben, Wirklichkeit, nämlich die Existenz des Schmetterlings? Was aber ist das Geheimnis der Metamorphose der Raupe über die Puppe zum Schmetterling? Es ist interessant, wie die Biologen diesen Prozess beschreiben. Und wenn wir diese Wandlung der Raupe im eben beschriebenen Sinne als ein Symbol des Lebens verstehen, was sagt dann dieser Prozess über unser Leben aus? Gerne möchte ich das nun Folgende in zwei Ebenen betrachten. Zum einen unsere ganz persönlichen, individuellen Erfahrungen von Wandlung und Veränderung, die wir in unserem Dasein und auf unserem spirituellen Lebensweg machen. Zum anderen aber auch, was wir gerade in der Gesellschaft und in der Welt an eigenartigem Spiel der Kräfte wahrnehmen können. (Von Ukraine über Nahost, Amerika, China, Russland, unsere Bundestagswahl im Februar - um nur wenige Stichworte zu nennen.) Sowohl was unseren persönlichen Lebensweg angeht, als auch was die gesamte Entwicklung in der Welt betrifft, so kommen wir immer mal wieder ins Fragen, wie wird, wie kann das alles nur so weiter gehen? Und manchem wird bei den Gedanken angst und bange. Der Transformationsprozess, den eine Raupe zum Schmetterling erfährt, könnte vielleicht helfen, uns selbst zu verstehen, aber auch das, was im Grossen geschieht, als einen Prozess der Wandlung und Reifung zu sehen. Und am Ende könnte dies uns Hilfe sein, unseren Weg, den wir sowohl im ganz persönlichen Leben als auch als gesellschaftlichen Prozess durchlaufen, anzunehmen, zu gehen und auch gestalten zu lernen. Und nun einige Beobachtungen der Biologen. Wenn sich die Raupe verpuppt, dann beginnt im Innern der Puppe ein unglaublich intensiver Prozess. Es geschieht nämlich, dass das alte Raupenleben sich auflöst und die ersten Schmetterlingszellen auftauchen. Die haben eine andere Qualität, als die der Raupe. Sie haben eine höher schwingende Frequenz, die, wenn man so will, ein anderes, ein neues Bewusstsein in sich tragen. Ein Erleben, das nicht mehr aus dem Erfahrungs- und Lebensbereich der Raupe stammt, sondern aus einer anderen Ebene kommt. Einer Wirklichkeit, die nicht mehr am Boden klebt, sondern aus einer Ebene kommt, in der sich Leben frei entfalten und bewegen kann. Wo der Raum nicht mehr begrenzt ist. Und so lasst uns den Prozess, der mit der Raupe in der Phase der Verpuppung geschieht, genauer betrachten. Was passiert da eigentlich? Die alten Raupenzellen werden sukzessive von den neuen Schmetterlingszellen verdrängt, ja buchstäblich über-lebt. Kennen wir das nicht auch aus unserem Leben, wie alte Überzeugungen, Konditionierungen, Verletzungen, wie alte Muster und Denkgewohnheiten, in dem Moment, wo wir uns ihnen bewusst stellen, langsam aufgelöst werden und Platz machen müssen für andere, neue Erfahrungen und Entwicklungen, die sich ihren Weg in unserem Leben bahnen. Oftmals entsteht so eine eigenartige Spannung; das Alte bleibt sozusagen Grund und Basis für das Neue, das werden will. Es braucht das Alte, dafür dass das Neue werden kann. Und so ist das Alte Teil desselben Wesens, das sich nun wandelt in einen völlig neuen Teil der Zukunft, der aber schon im alten Leben der Raupe repräsentiert wird. Ab einem bestimmten Punkt kommen immer mehr von den neuen Zellen dazu. Das eigene Raupenimmunsystem frisst das Alte auf und auf diese Weise treten immer mehr Schmetterlingszellen ins Leben. Und ab da fangen diese Zellen an, einen Verbund zu bilden. Also sie liieren sich mit anderen und es entsteht überall eine Art Cluster. Das neue Leben entsteht jetzt, indem es von sich her Kraft und Stärke entwickelt und somit das Alte über-lebt. Das Neue überwindet das Alte. Und es ist wichtig, dass das Neue nicht auf das Alte bezogen bleibt oder mit ihm kämpft, denn das bindet wichtige Kräfte, die es zum Wachstum für das neue Leben braucht. Eine uralte Erfahrung, die wir in der Menschheitsgeschichte sehr gut beobachten können, wie sich Systeme, Herrschaftsbereiche immer wieder wandeln und einander ablösen. Aber mancher von uns mag auch diese Wandlung vom Alten in neue Erfahrungs- und Erlebensbereiche aus seinem ganz eigenen Leben kennen. Es ist die Erfahrung, wie wir immer wieder neue Stufen, Veränderungen unseres Daseins durchschreiten. H. Hesse hat dies in seinem Gedicht „Stufen", das ich schon hin und wieder zitiert habe, in wunderbare Verse gebracht: Stufen Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde! Der Biologe Matthias Forster erklärt den Wandlungsprozess der Raupe zum Schmetterling so: Und das Neue kämpft nicht gegen das Alte, sondern es potenziert sich durch Clustering. Und eines Tages kollabiert das Immunsystem der Raupe und dann geht es ganz schnell und dann gibt es nur noch Schmetterlingszellen. Ein neues Bewusstsein. Aber die neue Form ist dann noch nicht da. Das heisst, die Hülle des Alten der Puppe hält dann dieses neue Bewusstsein zusammen, solange bis durch einen inneren Prozess die neue Form ausgereift ist. Und dann verhärtet die alte Form. Und das ist ganz wichtig. Wenn die alte Form nicht verhärten würde, könnte der Innendruck den Schmetterling nicht sprengen. Und dann ist es auch wichtig, dem Schmetterling, dem darf man nicht helfen. Der Schmetterling braucht die Anstrengung, den Widerstand sich aus der alten Hülle herauszuarbeiten, um an diesem Widerstand die Kraft zu entwickeln, die er braucht, um nachher fliegen zu können, sprich die Freiheit für sich erlangen und leben zu können. Was der Biologe hier beschreibt, scheint mir ganz wesentlich, weil es uns verstehen lehrt, mit den Widerständen in uns, aber auch in dem, was wir in unserer Aussenwelt gerade erleben, konstruktiv umzugehen. Verhärtungsprozesse, die Erfahrung, dass es in uns sehr eng und unerträglich wird, kennen manche von uns. Und es ist uns manchmal schwer, diese Enge und Ängste, die oftmals damit verbunden sind, und die wir auch im Aussen wahrnehmen können, zu würdigen und zu ehren. Und dennoch scheint dieser Druck, der so entsteht, geradezu die Voraussetzung in sich zu bergen, dass alte Muster und Konditionierungen gesprengt werden, damit neuer Raum entstehen, Entwicklung geschehen kann. Auch wenn es sich für das Leben einer Raupe in den verschiedenen Phasen ihres Daseins nicht so anfühlen mag – alles, was mit ihr geschieht, ist jener unglaubliche Prozess des Lebens, der sie durchpulst. Und auch die Momente des vermeintlichen Sterbens sind in der Tat Augenblicke, in denen altes, abgelebtes Leben zu Ende geht. Aber letztlich stirbt da nichts, sondern es passiert eine grosse Wandlung in immer neue Dimensionen unseres Daseins hinein. Das Leben entfaltet sich immer neu und kann letztlich nicht sterben. Wir wissen nicht, was das neue Jahr uns persönlich, aber auch in den grossen Zusammenhängen unseres Miteinanders bringen wird. Aber wir können darauf vertrauen, dass auch im Sterben, im Niedergang alter Muster und Erfahrungswelten, sowohl was unser ganz persönliches Leben angeht, als auch mit Blick auf das, was auf unserer Erde geschieht, das Leben den Sieg davon tragen wird. Dieses Wissen, dieses Vertrauen, kann dem Ganzen einen Sinn geben. Es kann uns auch zeigen, dass es letztlich nicht darum geht, in den Widerstand zu gehen, sondern dass das Clustering, so wie es die Zellen bei der Wandlung der Raupe zum Schmetterling tun, uns helfen wird. Es ist, dass wir uns mit Menschen, die die Zukunft fühlen und leben und gestalten wollen, zusammenfinden, um miteinander als Einzelne und als Gemeinschaft, als Sangha, unseren Weg aufs immer neue zu suchen und zu gehen. Wenn wir uns verbinden, stärken wir einander und potenzieren jene Kraft des Lebens, die durch alles Lebendige geht. Vielleicht sind wir mit dem System, das wir gerade leben, genau in dem Status der Raupe, die gefrässig alles, was vor ihr Maul kommt, auffrisst. Aber dieses System – wir wissen es, glaube ich alle – wird nicht überleben können. Die Schmetterlingskraft ist die Kraft des Lebens, die nach dem erdgebundenen Dasein der Raupe auf uns wartet. Wichtig ist es, dass wir, die wir um diese Kraft wissen, diese leben und weitertragen. Vielleicht ist es das, was wir der nächsten Generation mitgeben können, wenn die sich einmal fragen wird, wie soll es nun weiter gehen? Und damit noch ein letzter Gedanke. Wir sind wohl immer Beides zugleich: Raupe und Schmetterling. Wir sind immer Wandlung. Und in uns sind die Kräfte der Verstockung, der Verhärtung und Vereinzelung. Aber auch die Kraft des Aufbruchs, des immer neu sich schaffenden und schöpfenden Lebens. Im Zusammenspiel dieser Kräfte ereignet sich eine völlig andere Erfahrung von Leben, Lebendigkeit, die jenseits von all dem liegt, was wir bisher kannten: Da gibt es nichts mehr zu beurteilen. Da begegnet uns ein Wissen, das nicht weiss. Da begegnet uns LIEBE. Karl Matthias Uhlich (Hong zhi), Januar 2025
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