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LIEBE 1 und 2

Matthias Uhlich • 1. September 2023

Teisho Liebe I

Die Liebe, von Güte erfüllt, sprach:

Meine Freundin! Was wünscht ihr von mir?

Ich umfasse alles, was war, was ist und was sein wird. 

Ich bin mit allem erfüllt. Nehmet von mir, soviel ihr nur wollt!

Wollt ihr alles von mir, so erhebe ich keinerlei Einspruch.

Sagt, meine Freundin! Was wollt ihr von mir?

Ich bin die Liebe, die ich mit aller Güte erfüllt bin:

Was immer ihr wollt, wir wollen es auch.

Meine Freundin! Sagt uns aufrichtig euren Willen!

Darauf antwortete ich sofort, dass ich ein reines Nichts sei. 

Ein reines Nichts hat niemals je irgendwelchen Willen gehabt.

Ich will nichts. Die Güte der Liebe geht mich nichts an.

Nur sie selbst ist wahrlich ganz ausgefüllt!

Sie ist; nichts ist, es sei denn aus ihr.

Und darum sage ich, dass mich dies ganz und gar sättigt,

und so genügt es mir

(Marguerite Porete)



Ein eigenartiger Text, der in fast gegensätzlicher Weise um das Geheimnis der Liebe kreist.

Welche Erfahrung von Liebe mag da wohl dahinter stehen?



I


Liebe, wohl das tiefste wie auch abgedroschenste Wort.

Erich Mielke, der Chef der Stasi, der ehemaligen DDR, sagte in einer Rede in einer Volkskammersitzung 1989 zu den Abgeordneten: „Ich liebe euch doch alle! Ich liebe euch“ und dafür erntete er von einigen der Abgeordneten nur Hohn und Spott. 

Das andere ist, dass Menschen von dem tiefen Angerührt-Sein von der Göttlichen Liebe, nach Worten suchen, um ein Verstehen ringen, was sie da an tiefer Erschütterung erfahren haben.


Was ist LIEBE?

Und können wir zwischen menschlicher und göttlicher Liebe trennen?

Und was, wenn überhaupt, können wir von der Liebe erfassen und auf welche Weise?

Dem Denken, dem Verstand scheint sie nicht zugänglich zu sein. Erich Fried hat es in seinem Gedicht versucht: 


Was es ist

 

Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

 

Es ist Unglück

sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz

sagt die Angst

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist

sagt die Liebe

 

Es ist lächerlich

sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig

sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich

sagt die Erfahrung

Es ist was es ist

sagt die Liebe

 

Wie aber könnten wir dann uns über die Liebe verständigen?

 

Zunächst möchte ich festhalten, zum Thema Liebe sind wir alle Experten und zugleich auch immer wieder Anfänger, Suchende, Fragende, Menschen, die immer wieder einmal neu zu buchstabieren versuchen, was wir einheitlich damit meinen, wenn wir das Wort LIEBE aussprechen? 



II


Ein grundlegender Gedanke für mein Teisho ist, dass wir nicht zwischen göttlicher und menschlicher Liebe unterscheiden können. Jede Form von Liebe, die wir erfahren, ist eine Facette, ein Teil der LIEBE.

Darum möchte ich versuchen zunächst von der Liebe zu erzählen.


Gerne möchte ich jetzt einmal die verschiedenen Formen von Liebe, die uns in unserem Leben begegnen, betrachten.

 

Wenn wir biografisch uns dem Thema nähern, dann stossen wir als erstes auf die Mutter-Kind/Eltern-Kind Liebe:

-   auch wenn es manchmal äusserlich schwierige Situationen geben mag, die Geburt eines Kindes, dem Wunder des Lebens so ganz unmittelbar begegnen zu dürfen, ist für die meisten Menschen eine überwältigende Erfahrung.

-   viel Glück und Freude; ein Geben und Nehmen von Mutter/Eltern und Kind ….

-   aber auch unglaubliche Anstrengung, durchwachte Nächte, genervte, erschöpfte Eltern ….

-   und dennoch, bei allem entsteht ein Raum, in dem wachsen und Entwicklung möglich werden. Auch in- und durch die Pubertät hindurch scheint es bei aller Anstrengung und Auseinandersetzung eine Kraft zu geben, die in und bei allem Schwierigen stärker ist und uns immer wieder neu öffnet und weiter führt.

-   Dieses Öffnen und Weiterführen ist aber oft auch mit der intensiven Erfahrung des Lassen-müssen verbunden. Die Liebe zum Kind gebietet, dass wir es zu bestimmten Zeitpunkten immer wieder lassen- loslassen müssen. Denn die Liebe gibt frei, lässt Raum, damit ein Mensch eigenständig wird, sich entwickeln kann.

-   Dieses Loslassen fällt uns oft so unendlich schwer, weil wir glauben, dass wir dann etwas verlören, wenn wir nicht festhalten. Aber genau das Gegenteil ist der Fall, dass gerade dann, wenn die Liebe frei ist und sich entfalten kann, oftmals erst dann eine grosse Intensität von Nähe und Verbundenheit entsteht und das Lieben eine noch grössere Tiefe erfährt.

-   In besonderer Weise konnte ich das in der letzten Zeit noch einmal im Gefängnis erleben: Stephan-Mutter - >

    Liebe überschreitet die Grenzen von Moral, Anstand und Sitte, von Schuld und Verurteilung.

 

 

III

 

Manche von uns kennen dann auch die nächste so intensive Erfahrung von Liebe. Sie begegnet uns zum ersten Male in der Pubertät in ihrer unglaublichen Kraft und Intensität. Oft erfahren Menschen diese Kraft auch weiter noch in anderen Phasen ihres Lebens.

Diese Ekstase, das herausgerissen werden aus dem Alltäglichen, Konventionellen.

Wenn ein Mensch verliebt ist, dann brennt und lodert er vor Liebe, er ist ausser sich. Und das sind nicht nur hormonelle, physiologische Körperreaktionen, obwohl es diese auch sind.

In diesem Prozess überschreiten Menschen Grenzen und Konditionierungen. Da wird manches an bisherigem, festgefahrenem Leben geöffnet.

Lieben ist so immer auch ein Prozess der Öffnung und Veränderung.

Das fühlt sich oft grossartig an - aber auch schmerzhaft und schrecklich. 

R. Mey hat es in einem seiner Liebeslieder einmal so formuliert:

„Noch einmal hab´ ichs gelernt, wie wenig wichtige Dinge es gibt, in der Angst zu verlieren was man liebt. Noch einmal hab´ ichs gelernt, von dir gelernt.“

 

Diese Phase des Liebens ist wie eine Neugeburt mit all ihren Freuden und Herausforderungen und Schmerzen.

Menschen, die verliebt sind, erfahren eine Öffnung, haben eine erweiterte Wahrnehmung, nehmen Dinge wahr, die anderen verschlossen sind.

Ein guter Freund von mir erzählte mir, wie er im reifen Mannesalter in dieser Phase mit seiner Frau intensive Erfahrungen machte und über grosse Entfernungen hinweg sich beide in ihren Befindlichkeiten wahrnehmen konnten. Er selbst ein sehr erfolgreicher Psychologe hat aus diesem Erleben einen Vortrag gemacht, in dem er über Synchronizitäten, die er in dieser Phase erlebt hatte, berichtete und so das erweiterte Wahrnehmungsvermögen von Liebenden dokumentierte.


Ihr kennt die Sprüche in diesem Zusammenhang:

„Die rosarote Brille, die Menschen angeblich in dieser Situation aufhaben.“

Und „dass die Liebe blind mache.“

Das ganze Gegenteil scheint aber der Fall zu sein. 

Menschen in diesem Erleben können deutlich mehr und intensiver wahrnehmen, haben Antennen für andere Menschen und sind in einer Wahrnehmungsebene, die das Alltägliche weit übersteigt. 

Wenn wir einen Menschen lieben, dann nehmen wir ihn in seiner Schönheit, Würde und Grösse wahr. Wir können sein Potential wahrnehmen und das gelingt uns nur, weil wir mit den Augen des Herzens sehen.

F. Dostojewskij schreibt in einem Brief an seine geliebte Frau, dass die Liebe uns den Blick für die Schönheit des anderen öffne und wir seine Anlagen und Möglichkeiten aus ihm heraus lieben können.

Ein schöner Gedanke, die Möglichkeiten und Fähigkeiten aus dem anderen heraus zu lieben.


Damit möchte ich an das eingangs schon Formulierte erinnern, dass die LIEBE unteilbar ist und wir in allem Lieben auch immer der LIEBE begegnen.

Im Stadium der Verliebtheit nehmen wir immer wieder wahr, wie in uns und im anderen die grosse Fülle des Lebens lebendig wird und wir mit einem Male die Weite und Schönheit unseres Dasein spüren  - und auch erleben können. Wir nehmen Aspekte der Wirklichkeit wahr, die uns zu anderen Zeiten völlig verschlossen sind.

R. Mey beschreibt es in einem seiner Liebeslieder so:

NOCH EINMAL HAB' ICH GELERNT 


Noch einmal hab′ ich gelernt

Wie man aus einer Quelle trinkt

Wie schnell ein Stein in den Wellen versinkt

Noch einmal hab' ich′s gelernt, noch einmal gelernt

Die Namen der Gräser, der Sträuche und Schleh'n

Die der Gestirne, die über uns steh'n

Noch einmal hab′ ich′s gelernt, von dir gelernt


Noch einmal hab' ich gelernt

Wie man aus zwölf Zahlen die Uhrzeit liest

Wie langsam, wie schnell eine Stunde verfließt

Noch einmal hab′ ich gelernt, noch einmal gelernt

Dass in jeder Freude ein Unterton schwingt

In dem eine dunkle Vorahnung klingt

Noch einmal hab' ich gelernt, von dir gelernt


Von dir hab′ ich gelernt,

Wie wenig wichtige Dinge es gibt

In der Angst zu verlieren, was man liebt

Von dir hab' ich gelernt, von dir gelernt

Vor allen Zweifeln und Spöttern zu wagen

Ganz einfach Ich liebe Dich zu sagen

Von dir hab′ ich es gelernt, von dir gelernt.



Das Lieben, das wir jetzt erfahren, löst enge Grenzen der Vereinzelung. 

Was mag Schiller, was mag Beethoven erfahren haben als sie den Text und die Musik schrieben: „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt…“ - ihr kennt es alle aus der 9. Symphonie von Beethoven.

Tönt nicht auch da die grosse, tiefe Erfahrung des Liebens hindurch?


Sind nicht unsere Grenzen, die unser Leben oftmals so klein und eng machen, nicht eigentlich die, die uns blind machen für die Wirklichkeit? Entlarven sie nicht letztlich unsere kümmerliche Minderwertigkeit und kleinbürgerliche Selbstgerechtigkeit und Enge?

Bekommen wir im Lieben vielleicht einen Geschmack von Freiheit, Weite, Schönheit und Grösse unseres Daseins?

Haben wir durch das Lieben vielleicht eine Ahnung von dem, was wir wirklich sind, glückliche Wesen, Wesen der Liebe, des Liebens?

Wir erfahren die Grösse und Schönheit und Würde unseres Daseins, das sich in so unvergleichlicher Weise immer wieder neu entfalten und gestaltet werden will.

 

 

IV

 

Wir alle wissen, dass dies Phase oftmals nicht ein ganzes Beziehungsleben geht.

Und dennoch ist es vielleicht gut, wenn man sich einmal an die Anfänge, die erste Begegnung mit ihrer grossen Fülle und Schönheit erinnern kann.

In meiner Zeil als Pfarrer habe ich Brautpaaren vorgeschlagen …..

Sie sollten sich einen Merkposten schaffen, was am jeweils andere/n für sie wichtig war, was sie in ihr/ihm schätzen, wenn der graue Alltag - oder intensive Auseinandersetzungen ihr Miteinander bestimmten.


Wenn die grosse Intensität der ersten Liebe vorüber ist, erfahren Paare dann oft, wie der normale Alltag mit seinen Anforderungen ihr Leben bestimmt.

Um es im Bild zu sagen - aus dem lodernden Feuer ist nun die ruhige, wärmende Glut geworden.

Da ist Sicherheit, Vertrautheit und Verlässlichkeit, die nun unser Leben bestimmen. Mehr und mehr ist ein Fundament geworden, auf dem sich das Miteinander gründen kann. Manchmal geschieht es dann, dass so nun Raum entsteht, wo es dann plötzlich möglich wird, dass der jeweils andere etwas von dem zeigt, was auch sonst noch in ihm steckt. Alte Muster, Konditionierungen, Wunden und Verletzungen aus längst vergessenen Tagen haben nun den Raum, um sich zu zeigen.

Es entstehen manchmal schwierige Momente, wo wir uns in unserem Sosein einander zumuten.

Und mir scheint das wichtig.

Der Schriftsteller Elias Canetti hat es einmal so formuliert: „Menschen können sich nur einander erlösen. Darum verwandelt sich Gott als Mensch.“

 

Das was die Psychologen als Projektionen beschreiben, wo Menschen ihre eignen Probleme und Nöte auf andere projizieren, in der Hoffnung, dass sie diese beim anderen lösen und erlösen können, scheint mir eine ganz wichtige Möglichkeit der Veränderung und Heilung zu sein.

Erst, wenn ich weiss, dass ich mich dem anderen, so wie ich bin, zumuten kann, wenn ich erfahre, dass er mich so wie ich mich gerade zeige, aushält, wird es möglich sein, dass alte Muster sich lösen können und alte Wunden heilen werden.

Das geht aber nur, wenn das Gegenüber nicht in die Gegenprojektion geht: „aber duuuu….“

Dann ist man ineinander verstrickt und verheddert und kommt nur schwer aus dem Ganzen wieder raus.


Und noch ein anderes geschieht, wenn das lodernde Feuer der Liebe zweier Menschen ruhiger wird.

Ist es am Anfang nur der eine Mensch, auf den wir ganz fixiert sind: „du, du, nur du allein …“ so kann sich unsere Aufmerksamkeit, unsere Liebe auch auf andere Menschen hin weiten. Wir merken dann, dass es nicht nur einen Menschen gibt, der alle unsere Interessen und Möglichkeiten, die in uns liegen, abdecken kann.

Unser Bewusstsein weitet sich und wir verstehen, wie wichtig es ist, auch mit anderen Menschen gemeinsame Interessen zu haben und zu teilen.

Die Freundinnen, die Freunde bekommen wieder einen grösseren, wichtigeren Stellenwert im Leben eines jeden.

Unser Leben weitet sich noch einmal, weil wir merken, dass der eine geliebte und vertraute Menschen und die anderen Menschen, denen wir nahe sind, keine Gegensätze sein müssen, sondern die Grösse und Weite der Liebe noch einmal neu entdeckt und verstanden wird.

Wenn wir von Freundin oder Freund reden, dann kann das aber sehr unterschiedliche Intensität haben.

Der Schriftsteller, Philosoph Michel Montaigne  (Montaigne war verheiratet und es ist nichts darüber bekannt, dass er jemals homosexuelle Tendenzen gehabt habe. Er hat sich mit 38 Jahren aus dem aktiven „Geschäft“ der Politik auf seinen Landsitz zurückgezogen und war in dieser Zeit der Berater von 5 Königen.) hat einen ganz wunderbaren Text über die Freundschaft verfasst und ich möchte gerne da einige Stellen daraus zitieren: 

S. 111: ….

Bei dem, was wir gewöhnlich Freunde oder Freundschaft nennen, handelt es sich allenfalls um nähere Bekanntschaft, die bei gewissen Anlässen oder um irgendeines Vorteils willen geknüpft wurden und uns nur insoweit verbinden. Bei der Freundschaft hingegen, von der ich spreche, verschmelzen zwei Seelen und gehen derart ineinander auf, dass sie sogar die Naht nicht mehr finden, die sie einte. Wenn man in mich dringt zu sagen, warum ich Étienne de la Boétie liebte, fühle ich, dass nur eine Antwort dies ausdrücken kann: „Weil er er war, weil ich ich war.“ [...] Die einmalige, die alles überragende Freundschaft entbindet von allen sonstigen Verbindlichkeiten. Ein Geheimnis, das niemand anderem zu enthüllen ich geschworen habe, kann ich, ohne einen Meineid zu begehen, dem mitteilen, der kein anderer ist: Er ist ich [...].


Was Montaigne da über die Freundschaft schreibt, könnte problemlos durch den Begriff Liebe ersetzt werden und wir würden diesen genauso verstehen. 

Von der Schriftstellerin Lou Salome gibt es einen ganz ähnlichen Text, in dem sie ihre Liebe zu dem Schriftsteller Rainer Maria Rilke schreibt.



V

 

Wenn man sich klar macht, dass Montaigne verheiratet war und sich vor Augen hält, was er da über die Freundschaft schreibt, klingt ein Thema auf, das wohl auch ganz wichtig zur Liebe dazu gehört: die Eifersucht.

Und damit kommen wir zu einem zentralen Thema von Liebe, nämlich was ich anfangs schon im Blick auf unsere Kinder angesprochen habe. Das Thema heisst Freiheit und in der Kraft der Liebe zu verstehen, dass wir den/die andere/n nicht haben, nicht besitzen können.

Liebe kann sich nur in einer grossen Freiheit immer neu erlieben und vertiefen. Und vielleicht ist es gerade das, was zunächst bedrohlich und feindlich scheint, und wenn wir uns dem stellen, gerade dies uns in ein grosses und tiefes Lieben führen kann.

Wenn es gelingen kann, Eifersucht und Besitzanspruch, das ist meine Frau, das ist mein Mann in den offenen Raum des Liebens zu bringen, dann kann, vielleicht auch durch Krisen hindurch, eine tiefe Erfahrung von einer reifen und umfassenden Liebe gemacht werden. Dann können wir vielleicht immer mehr in jenen Raum hinein wachsen, den die spirituelle, die göttliche Liebe meint.

Aber da sind wir wohl als Menschen und auch in der Erfahrung unserer Liebe gefordert. Wie tief können wir uns in die Liebe hinein versenken, sodass Gegensätze verschwinden und wir uns in einem Raum finden, in dem wir merken, wie wir bei allem und in allem mit allem verbunden sind.



VI


Mit dem nächsten Gedanken möchte ich das eben Gesagte aufnehmen und auch das Teisho heute abschliessen und auch schon einen Ausblick auf den zweiten Teil dieses Vortrages machen, in dem es genau um das gehen wird, was ich schon angedeutet habe, um die sog. göttliche Liebe.


Die Weltbilder der Menschheit haben sich auf dem Hintergrund ihrer Lebenserfahrung immer wieder geändert. Das Weltbild der Menschen sagt immer auch etwas über ihren Bewusstseinsstand aus.

In unserer Zeit wird immer wieder, vor allem von der Quantenphysik, vom holistischen Weltbild gesprochen.

Was meint das?

Ein Holon ist Teil eines ganzen und nur so kann es existieren. Z.B. der menschliche Körper: Zelle : Organ : Körper…. oder unsere Welt: wir sind ein Ganzes und alles ist mit allem verbunden, wenn sich ein Teil aus dem ganzen löst, ist es dem Tode geweiht.

Die Menschen, die das holistische Weltbild vertreten, sagen nun, dass alles miteinander in Beziehung steht und auch miteinander verbunden ist.

Wenn ein Einzelnes sich abgrenzt, sich aus dem Ganzen heraus nimmt, so hat es keine Chance zu überleben und wird verkümmern oder sterben.

Für mich ein schöner Gedanke, wenn wir diesen auf die Liebe anwenden.

Wenn Liebe im Festhalten und haben-wollen, besitzen-wollen festhält, wird sie sterben und ersticken. Wenn sie sich aber zum Ganzen hin immer wieder neu öffnen kann, werden Menschen ihre grosse Fülle und Schönheit erleben. Und in diesem Zusammenhang scheint mir dann die Erfahrung der bedingungslosen Liebe, die wir als Baby erfahren und dem Erleben der Verliebtheit, und dem Gestalten einer tiefen, reifen Liebe, ein immer neues Angerührt werden zu sein, das mehr und mehr vertieft und entfaltet werden will.

Die Liebe führt uns immer mehr in die tiefe Verbindung mit dem Ganzen und verbindet anstatt zu trennen.

 


Teisho Liebe II

Gerne möchte ich zunächst noch einmal an den ersten Teil des Teishos anknüpfen und mir zwei wichtige Gedanken zum Thema Liebe aufnehmen.

Der eine ist die Wahrnehmung, dass in der Erfahrung von Liebe unsere oftmals engen Grenzen erweitert werden und Leben so noch einmal eine neue Intensität und Fülle und Schönheit erfährt. Ich hatte es exemplarisch versucht in verschiedenen Lebensabschnitten, wie der Kindheit, dem Erleben von Liebe als Jugendliche und dann auch im reifen Alter zu verdeutlichen: Liebe erweitert unser Bewusstsein und öffnet uns für die Intensität von Leben.


Der zweite Gedanke, der mir in diesem Zusammenhang auch noch sehr wichtig scheint, ist die Frage, wie wir unser Leben, unsere Welt wahrnehmen? Und da habe ich auf das holistische Weltbild aufmerksam gemacht.

Der Begriff Holon von griech. ὅλος, hólos und ὀν, on „das Teil eines Ganzen Seiende“.

Was in unserem Zusammenhang meint, Liebe ist nur Liebe, wenn sie aufs Ganze bezogen bleibt, wenn sie sich öffnen und immer wieder neu auch in Beziehung setzen kann und so eins werden kann mit dem Ganzen. Die Mystiker sprechen in diesem Zusammenhang von der sog. Einheitserfahrung, dem All-Einen.

 


Gerne möchte ich die Formulierung wagen, dass wir alle diese Liebe in uns tragen.

Wir alle kennen wohl diese tiefe Sehnsucht nach Liebe. Wir möchten anerkannt sein, sehnen uns nach Wertschätzung, möchten geliebt werden.

Und wir sind bereit, für diese Liebe viel zu geben.

Um geliebt zu werden, sind Menschen manchmal bereit, sich bis über  ihre Grenzen hinweg aufzuopfern, ihr letztes zu geben.

Wieviel halten Menschen manchmal aus, sagen nicht, was sie wirklich denken, was sie eigentlich gerne möchten; zeigen nicht ihr wahres Gesicht, nur aus der Angst heraus, dass der/die andere mich vielleicht so nicht mögen könnte? Mich ablehnen oder gar nicht lieben wird.


Einige haben es schon in der frühen Kindheit gelernt - und dieses Gelernte sitzt oftmals sehr tief.

Dieser furchtbare Satz, der sich tief in ihr Leben gebohrt hat: „Wenn du so „böse“ bist // wenn du dies nicht tust, oder das tust, hat dich Mama/Papa nicht mehr lieb.“


Wie oft passen sich Menschen nun an, nur um die Zuwendung und „Liebe“ von anderen zu bekommen.


Wir brauchen manchmal lange bis wir es verstehen, wenn wir die Liebe im Aussen bei und von anderen suchen, bleiben wir auf diese angewiesen.

Und so sind die Kontakte zu anderen oftmals unausgesprochene Bitte, die immer mit uns geht, hab‘ mich doch lieb.

Und diese Bitte, dieses den anderen um Liebe zu bitten, macht uns zu Bettlern.

Wir finden den Reichtum, die Fülle der Liebe aber nicht bei einem anderen Menschen. Denn solange die Liebe auf andere gerichtet ist und sich von ihnen abhängig macht, sind wir in unserem Lieben auch abhängig von den anderen. Und wenn sich der eine bewegt, zieht er den anderen mit …


Das ist die eine Seite, dass wir uns nach Liebe sehnen. 

Die Kehrseite dazu ist, dass manche von uns aus ihrer christlichen Erziehung diese Forderung kennen, du sollst deinen Nächsten lieben.

Ihr kennt meine Gedanken dazu… 

Wie könnten wir, wenn wir Bettler sind und uns nach Liebe im oben genannten Sinne sehnen, Liebe geben?

Nur derjenige, der die Fülle und Schönheit der Liebe selbst erfahren hat, kann sie aus der Erfahrung der Fülle heraus auch weitergeben, frei verschenken, fliessen lassen.

Oft sagen Kritiker, dass diese Liebe zu sich selbst nichts anderes als Egoismus wäre.

Aber gerade umgekehrt ist es, nur wer dieses tiefe Ja des Liebens bei sich selbst erfahren hat, kann auch diese weitergeben an Menschen, die ängstlich oder ärmlich die Liebe zu anderen hin zu leben versuchen.

Den wichtigen Satz von Jesus dazu kennt ihr alle, der meint nur aus der Fülle kann ich geben. Ein Bettler hat eben nichts zu verschenken.


Thich Nhat Hanh meint dasselbe, wenn er sagt:

Liebende Güte ist die Grundlage des Übens.

Du kannst niemanden lieben, solange du dich nicht selbst liebst und gut für dich sorgst.

 

In Dokusangesprächen taucht dann immer einmal die Frage auf, aber wie geht denn das, sich selbst zu lieben? 

Und ist das nicht Egoismus, wenn ich mich selbst liebe und mich nur noch um mich kümmere?

Nach meiner Wahrnehmung ist ein Egoist jemand, der nur sich selbst sieht und um sich kreist und nie genug bekommen kann. Der einzig und allein im sog. Habenmodus lebt. Und das hat in der Tat nichts mit Liebe zu tun.

Das was die Mystiker/innen mit Liebe meinen ist die tiefe Hingabe an sie.

Nach meiner Wahrnehmung ist das weniger ein aktives Tun als vielmehr ein lassen, ein mich hineinziehen lassen in die tiefe Erfahrung des Liebens. 

 

Mystiker berichten immer wieder davon, 

Mechthild von Magdeburg:

„So wirst du von Liebesfeuer erfüllt,

das dich hier so sättigt und stillt,

du darfst mich nicht mehr lehren,

ich mag mich nicht von der Liebe kehren,

ich muss mich ihr gefangen geben,

ich mag nichts anderes mehr leben,

da wo sie wohnt, muss ich bleiben,

sowohl im Tode und im Leben,

das ist der Toren Torheit,

welche leben ohne Herzeleid.“


Wenn ich dabei bleibe, was ich im ersten Teil des Teishos gesagt habe, dass es nur die eine Liebe gibt und wir diese nicht in menschliche und göttliche Liebe aufspalten können, dann ist alle Liebe, die wir durch und mit anderen Menschen erfahren auch ein Hinweis auf eine Liebe, die frei ist und tiefer noch und umfassender. 

So wie ich im ersten Teil versucht habe darzustellen, wie die Liebe in den einzelnen Lebensphasen uns immer wieder dazu bringt uns zu öffnen und unser Leben zu weiten, so führt uns das spirituelle Erleben von Liebe in eine noch universellere Erfahrung von LIEBE.

Alle Mystiker berichten von dieser - im Grunde nicht sagbaren - Erfahrung:

Rumi, der Sufi-Mystiker hat in immer neuen Anläufen versucht das Geheimnis der Liebe zu erfassen.

Einige Verse von ihm sagen:


„In dem Augenblick,

da ich meine erste Liebesgeschichte hörte,

begann ich Ausschau zu halten nach Dir.

und merkte nicht,

wie blind ich war.

 

Liebende begegnen sich nicht endlich irgendwo.

Sie sind schon immer ineinander.

 

Welch wundersames Schicksal, hier zu sitzen.

Sogar am anderen Ende dieser Erde

würden wir beisammen sitzen - Du und ich.“

 

Eine wunderbare Erfahrung, die Menschen, ich habe es eben schon erwähnt, in ihren Liebeserfahrungen / Beziehungen schon immer gemacht haben.

Die Sätze von Rumi könnte ein/e Mutter/Vater auch in Bezug zu ihrem neugeborenen kleinen Kind sagen.

Die ersten Erfahrungen der Jugendlichen mit der Liebe - und manchmal auch der erwachsenen Menschen - spiegeln die Sätze Rumis.

Und auch das Erleben der Liebe im Alter kann das bestätigen, was der Mystiker beschreibt: 

unsere Liebesgeschichten sind ein Anruf aus der anderen Dimension der Liebe, der grossen, tiefen, umfassenden Liebe, des grenzenlosen Liebens.

Rumi, schon meine erste Liebesgeschichte war ein Ausschau halten nach dir.

 

Da ist es wieder, wir können die Erfahrung des Liebens nicht aufspalten. Jedes Lieben, wie auch immer es sein mag, ist ein Hinweis auf jene andere Liebeserfahrung, die das Personale übersteigt, so Rumi.

Jede Liebe, die wir erfahren, will uns auf jene andere Liebe hinweisen, die jenseits unserer Ich-Struktur liegt. Unsere „Übung“ liegt nun darin, dass es uns gelingen kann, unsere Ich-Ebene zu übersteigen, d.h. unser Erleben von Liebe aus der personalen Enge zu weiten.


Wenn diese Liebe erfahren wird, tauchen wir Menschen mit einem Male in eine ganz andere Dimension unseres Dasein ein. Und diese Erfahrung bringt uns in eine Welt, die nicht mehr nur mit dem Verstand zu fassen ist. Wir werden über die Logik, über den Intellekt, das Denken hinaus geführt.

Osho hat diesen Prozess sehr schön im folgenden Text beschrieben:

Meditation ist nicht gegen das Denken; sie geht über die Gedanken hinaus. 

Du wirst vollkommen nackt, wie du wirklich bist: ohne Maske, ohne Gewand, einfach wie ein kleines Kind. Und das sind die grossen Augenblicke des Lebens, wenn die Liebe auf dich herabzuregnen beginnt, und du Gottes Geliebter wirst.

 

Osho deutet es an, diese Liebeserfahrung, die das Personale übersteigt, zieht uns in eine Ebene, wo Grenzen überstiegen werden und eine Erfahrung von tiefer Einheit entsteht. 

Die holistische Erfahrung von Welt.


Noch einmal Rumi, der das eben Gesagte in seinen Bildern beschreibt:


Man sagt, die Liebe öffne eine Tür

von einem Herz zum anderen;

doch wo es keine Mauer gibt, 

wo soll da eine Tür sein?

 

Das ist die tiefe mystische Erfahrung, wenn wir in unserer Übung die trennenden Wände/Mauern von Zweifeln und Ängsten, von Urteilen und Vorurteilen, von Intellekt und Emotionen einmal übersteigen können, dann wird unser Blick auf das Leben, die Welt ganz neu und ganz anders.

Wir sehen und hören und nehmen die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen wahr. Eine vollkommen neue Qualität von Leben entsteht mit einem Male.

Und das ist nichts Grosses oder Anstrengendes, was man erreichen, sich erarbeiten müsste. Es ist eher ein sich lassen, sich einlassen. Johannes vom Kreuz sagt, es ist ein schlichtes Aufmerken der Liebe.

 

Aber da ist sie wieder, die Frage wie soll das gehen, wie soll das sein, dieses Aufmerken der Liebe?

Und mit diesem Fragen kommen wir wieder an jene Grenze des nicht mehr Sagbaren, an jene Stelle, wo wir merken die Liebe ist kein Gegenstand / Objekt, das wir in irgendeiner Weise „haben“, untersuchen, definieren oder gar besitzen könnten. Die Liebe steht uns nicht zur Verfügung, so dass wir sie haben oder gar einsetzen könnten. Und doch verwandelt sie unsere Welt und sie kann das Leben eines einzelnen Menschen von Grund auf verändern und durchdringen.

Aber wie könnten wir es beschreiben?


Osho hat es in einem schönen Vergleich versucht:

„Die Liebe ist wie eine Blume und die schönste von allen.

Sie ist unsichtbar, denn sie wächst im Herzen. … Sie öffnet sich im Herzen, aber ihr Duft verbreitet sich weiter, er erreicht auch andere Menschen. Und sie duftet so sehr, dass dieser Duft die ganze Existenz erfüllen kann ….

Immer wenn das Herz eines Menschen eine Blume der Liebe geworden ist, wird die gesamte Existenz gesegnet.“

 

In dem was Osho hier sagt, wird deutlich, dass es bei der Liebe in diesem Sinne nicht um eine in sich geschlossene, introvertierte Kraft, die ein Mensch für sich persönlich haben oder gar besitzen könnte, handelt. Liebe in diesem Sinne hat etwas mit geben, sich hin- und hergeben, mit fliessen zu tun. Rainer Maria Rilke hat es so schön formuliert: 

„Je mehr Liebe man gibt, desto mehr besitzt man davon.“

 

Vielleicht kann das auch ein schönes Bild für unsere Meditationspraxis sein, das Aufblühen und Wachsen, wie eine Blume.

Es gibt nicht wenige Mystiker, die zwischen der Meditationspraxis und der Erfahrung von einer tiefen, mystischen Liebe, eine enge Verbindung sehen. Und vielleicht geht für manche das Erlernen der Meditation mit dem Erlernen und Erfahren von Liebe einher.

Und so wie unsere Meditationspraxis ein ständiger Weg des Wachsens, des Reifens, der Veränderung ist, so ist es auch mit der Erfahrung der Liebe. Immer, wenn Menschen sich in diese Kraft stellen, verändern sie sich, öffnet sich ihr Leben und strahlt auf andere aus.

Zugegeben, auch das ist ein Weg der Übung, ich habe bereits schon angedeutet, dass unser Wissen und Verstand; dass wir aus der Erfahrung des Mangels oft in das Haben-wollen, Haben-müssen kommen und wenn wir da drin bleiben, dann schnürt es alles ab. Menschen werden hart und eng und drehen sich am Ende nur noch um ihre Ich-Haftigkeit.

Da ist nichts von der Weite und Schönheit des Duftes der Rose, der Liebe.


Zum Schluss noch einmal Osho:

„Es ist aus Seligkeit, dass Rosen, Rosen des Herzens wachsen. Und aus diesen Rosen steigt der Duft der Liebe auf. ….

Wenn die innere Rose erblüht ist, braucht nichts gesagt zu werden, sind keine Worte nötig. Der Duft allein genügt, um die Botschaft zu überbringen.

Wo du auch bist, mit wem du auch bist, die Liebe strahlt ständig aus, sie pulsiert immerfort. Sie wird zu einem fortwährenden Tanz der Energie um dich herum. Aber zuerst muss die Rose des Herzens sich öffnen.“


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von Matthias Uhlich 19. Januar 2025
Teisho Raupe/Schmetterling Zum Beginn des neuen Jahres möchte ich gerne ein paar Gedanken zum Leben, zu unserem Leben versuchen. Es geht um das Vitale, auch wenn ich zunächst mit euch zu Grabstätten gehen will. Vielleicht kennen es einige von Spaziergängen über Friedhöfen, vor allem wenn man über alte, historische Anlagen geht, dass auf manchen Grabsteinen Symbole zu finden sind, die anders als die sonst üblichen christlichen Metaphern sind. Die sog. Freidenker im 19. Jh. waren es, die sich ganz bewusst von der christlichen Bestattungstradition distanzierten und sich verbrennen liessen und statt des Kreuzzeichens, andere Bilder, zum Teil aus der römischen bzw. griechischen oder germanisch-keltischen Tradition stammende Symbole auf ihren Grabsteinen verwendeten, so z.B., alte Runen oder die abgebrochene Säule, einen Lorbeer Kranz oder eine sich in den Schwanz beissende Schlange. Ein sehr häufig verwendetes Symbol, ist auch das Bild eines Schmetterlings, das auf einigen Grabsteinen platziert ist. Warum der Schmetterling? Er ist ein altes Gleichnis dafür, dass das Leben Veränderung, Entwicklung ist - auch wenn es so scheint, als fände da ein Sterben statt. Es ist die alte Frage, was passiert, wenn die Raupe stirbt? Stirbt sie wirklich oder geschieht hier nur eine Wandlung, eine Transformation von einem erdgebundenen, engen und begrenzten Dasein, hinein in eine völlig andere Dimension von Leben, Wirklichkeit, nämlich die Existenz des Schmetterlings? Was aber ist das Geheimnis der Metamorphose der Raupe über die Puppe zum Schmetterling? Es ist interessant, wie die Biologen diesen Prozess beschreiben. Und wenn wir diese Wandlung der Raupe im eben beschriebenen Sinne als ein Symbol des Lebens verstehen, was sagt dann dieser Prozess über unser Leben aus? Gerne möchte ich das nun Folgende in zwei Ebenen betrachten. Zum einen unsere ganz persönlichen, individuellen Erfahrungen von Wandlung und Veränderung, die wir in unserem Dasein und auf unserem spirituellen Lebensweg machen. Zum anderen aber auch, was wir gerade in der Gesellschaft und in der Welt an eigenartigem Spiel der Kräfte wahrnehmen können. (Von Ukraine über Nahost, Amerika, China, Russland, unsere Bundestagswahl im Februar - um nur wenige Stichworte zu nennen.) Sowohl was unseren persönlichen Lebensweg angeht, als auch was die gesamte Entwicklung in der Welt betrifft, so kommen wir immer mal wieder ins Fragen, wie wird, wie kann das alles nur so weiter gehen? Und manchem wird bei den Gedanken angst und bange. Der Transformationsprozess, den eine Raupe zum Schmetterling erfährt, könnte vielleicht helfen, uns selbst zu verstehen, aber auch das, was im Grossen geschieht, als einen Prozess der Wandlung und Reifung zu sehen. Und am Ende könnte dies uns Hilfe sein, unseren Weg, den wir sowohl im ganz persönlichen Leben als auch als gesellschaftlichen Prozess durchlaufen, anzunehmen, zu gehen und auch gestalten zu lernen. Und nun einige Beobachtungen der Biologen. Wenn sich die Raupe verpuppt, dann beginnt im Innern der Puppe ein unglaublich intensiver Prozess. Es geschieht nämlich, dass das alte Raupenleben sich auflöst und die ersten Schmetterlingszellen auftauchen. Die haben eine andere Qualität, als die der Raupe. Sie haben eine höher schwingende Frequenz, die, wenn man so will, ein anderes, ein neues Bewusstsein in sich tragen. Ein Erleben, das nicht mehr aus dem Erfahrungs- und Lebensbereich der Raupe stammt, sondern aus einer anderen Ebene kommt. Einer Wirklichkeit, die nicht mehr am Boden klebt, sondern aus einer Ebene kommt, in der sich Leben frei entfalten und bewegen kann. Wo der Raum nicht mehr begrenzt ist. Und so lasst uns den Prozess, der mit der Raupe in der Phase der Verpuppung geschieht, genauer betrachten. Was passiert da eigentlich? Die alten Raupenzellen werden sukzessive von den neuen Schmetterlingszellen verdrängt, ja buchstäblich über-lebt. Kennen wir das nicht auch aus unserem Leben, wie alte Überzeugungen, Konditionierungen, Verletzungen, wie alte Muster und Denkgewohnheiten, in dem Moment, wo wir uns ihnen bewusst stellen, langsam aufgelöst werden und Platz machen müssen für andere, neue Erfahrungen und Entwicklungen, die sich ihren Weg in unserem Leben bahnen. Oftmals entsteht so eine eigenartige Spannung; das Alte bleibt sozusagen Grund und Basis für das Neue, das werden will. Es braucht das Alte, dafür dass das Neue werden kann. Und so ist das Alte Teil desselben Wesens, das sich nun wandelt in einen völlig neuen Teil der Zukunft, der aber schon im alten Leben der Raupe repräsentiert wird. Ab einem bestimmten Punkt kommen immer mehr von den neuen Zellen dazu. Das eigene Raupenimmunsystem frisst das Alte auf und auf diese Weise treten immer mehr Schmetterlingszellen ins Leben. Und ab da fangen diese Zellen an, einen Verbund zu bilden. Also sie liieren sich mit anderen und es entsteht überall eine Art Cluster. Das neue Leben entsteht jetzt, indem es von sich her Kraft und Stärke entwickelt und somit das Alte über-lebt. Das Neue überwindet das Alte. Und es ist wichtig, dass das Neue nicht auf das Alte bezogen bleibt oder mit ihm kämpft, denn das bindet wichtige Kräfte, die es zum Wachstum für das neue Leben braucht. Eine uralte Erfahrung, die wir in der Menschheitsgeschichte sehr gut beobachten können, wie sich Systeme, Herrschaftsbereiche immer wieder wandeln und einander ablösen. Aber mancher von uns mag auch diese Wandlung vom Alten in neue Erfahrungs- und Erlebensbereiche aus seinem ganz eigenen Leben kennen. Es ist die Erfahrung, wie wir immer wieder neue Stufen, Veränderungen unseres Daseins durchschreiten. H. Hesse hat dies in seinem Gedicht „Stufen", das ich schon hin und wieder zitiert habe, in wunderbare Verse gebracht: Stufen Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde! Der Biologe Matthias Forster erklärt den Wandlungsprozess der Raupe zum Schmetterling so: Und das Neue kämpft nicht gegen das Alte, sondern es potenziert sich durch Clustering. Und eines Tages kollabiert das Immunsystem der Raupe und dann geht es ganz schnell und dann gibt es nur noch Schmetterlingszellen. Ein neues Bewusstsein. Aber die neue Form ist dann noch nicht da. Das heisst, die Hülle des Alten der Puppe hält dann dieses neue Bewusstsein zusammen, solange bis durch einen inneren Prozess die neue Form ausgereift ist. Und dann verhärtet die alte Form. Und das ist ganz wichtig. Wenn die alte Form nicht verhärten würde, könnte der Innendruck den Schmetterling nicht sprengen. Und dann ist es auch wichtig, dem Schmetterling, dem darf man nicht helfen. Der Schmetterling braucht die Anstrengung, den Widerstand sich aus der alten Hülle herauszuarbeiten, um an diesem Widerstand die Kraft zu entwickeln, die er braucht, um nachher fliegen zu können, sprich die Freiheit für sich erlangen und leben zu können. Was der Biologe hier beschreibt, scheint mir ganz wesentlich, weil es uns verstehen lehrt, mit den Widerständen in uns, aber auch in dem, was wir in unserer Aussenwelt gerade erleben, konstruktiv umzugehen. Verhärtungsprozesse, die Erfahrung, dass es in uns sehr eng und unerträglich wird, kennen manche von uns. Und es ist uns manchmal schwer, diese Enge und Ängste, die oftmals damit verbunden sind, und die wir auch im Aussen wahrnehmen können, zu würdigen und zu ehren. Und dennoch scheint dieser Druck, der so entsteht, geradezu die Voraussetzung in sich zu bergen, dass alte Muster und Konditionierungen gesprengt werden, damit neuer Raum entstehen, Entwicklung geschehen kann. Auch wenn es sich für das Leben einer Raupe in den verschiedenen Phasen ihres Daseins nicht so anfühlen mag – alles, was mit ihr geschieht, ist jener unglaubliche Prozess des Lebens, der sie durchpulst. Und auch die Momente des vermeintlichen Sterbens sind in der Tat Augenblicke, in denen altes, abgelebtes Leben zu Ende geht. Aber letztlich stirbt da nichts, sondern es passiert eine grosse Wandlung in immer neue Dimensionen unseres Daseins hinein. Das Leben entfaltet sich immer neu und kann letztlich nicht sterben. Wir wissen nicht, was das neue Jahr uns persönlich, aber auch in den grossen Zusammenhängen unseres Miteinanders bringen wird. Aber wir können darauf vertrauen, dass auch im Sterben, im Niedergang alter Muster und Erfahrungswelten, sowohl was unser ganz persönliches Leben angeht, als auch mit Blick auf das, was auf unserer Erde geschieht, das Leben den Sieg davon tragen wird. Dieses Wissen, dieses Vertrauen, kann dem Ganzen einen Sinn geben. Es kann uns auch zeigen, dass es letztlich nicht darum geht, in den Widerstand zu gehen, sondern dass das Clustering, so wie es die Zellen bei der Wandlung der Raupe zum Schmetterling tun, uns helfen wird. Es ist, dass wir uns mit Menschen, die die Zukunft fühlen und leben und gestalten wollen, zusammenfinden, um miteinander als Einzelne und als Gemeinschaft, als Sangha, unseren Weg aufs immer neue zu suchen und zu gehen. Wenn wir uns verbinden, stärken wir einander und potenzieren jene Kraft des Lebens, die durch alles Lebendige geht. Vielleicht sind wir mit dem System, das wir gerade leben, genau in dem Status der Raupe, die gefrässig alles, was vor ihr Maul kommt, auffrisst. Aber dieses System – wir wissen es, glaube ich alle – wird nicht überleben können. Die Schmetterlingskraft ist die Kraft des Lebens, die nach dem erdgebundenen Dasein der Raupe auf uns wartet. Wichtig ist es, dass wir, die wir um diese Kraft wissen, diese leben und weitertragen. Vielleicht ist es das, was wir der nächsten Generation mitgeben können, wenn die sich einmal fragen wird, wie soll es nun weiter gehen? Und damit noch ein letzter Gedanke. Wir sind wohl immer Beides zugleich: Raupe und Schmetterling. Wir sind immer Wandlung. Und in uns sind die Kräfte der Verstockung, der Verhärtung und Vereinzelung. Aber auch die Kraft des Aufbruchs, des immer neu sich schaffenden und schöpfenden Lebens. Im Zusammenspiel dieser Kräfte ereignet sich eine völlig andere Erfahrung von Leben, Lebendigkeit, die jenseits von all dem liegt, was wir bisher kannten: Da gibt es nichts mehr zu beurteilen. Da begegnet uns ein Wissen, das nicht weiss. Da begegnet uns LIEBE. Karl Matthias Uhlich (Hong zhi), Januar 2025
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