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"Müdigkeit und Schmerzen bei der Meditation"

Matthias Uhlich • 11. September 2020

Teisho August 2020

Teisho Müdigkeit / Schmerzen


In diesem Teisho möchte ich ganz gerne etwas zum Thema Müdigkeit und Schmerz sagen.

In unserer heutigen Gesellschaft ist Müdigkeit, müde sein eher verpönt.
Wer müde ist der taugt nichts, weil er keine volle Leistung bringt. Und so ist müde sein auch sehr eng mit einer Wertung verbunden, nämlich der, dass jemand, der müde ist weniger Leistung bringt und darum nichts taugt. Und darum pushen sich Menschen mit Kaffee, Red Bull, mit Aufputschmitteln und Medikamenten, um wach zu bleiben und leistungsfähig zu sein. Und weil sie dann oftmals überdreht sind und abends nicht mehr zur Ruhe kommen, nehmen sie, um einzuschlafen Beruhigungsmittel, Schlaftabletten.

Mit diesem Anspruch, nämlich dem, gut zu sein und alles richtig zu machen, sind dann manche auch auf dem Kissen auf ihrem Meditationsplatz zur Meditation. Wie oft habe ich im Dokusan schon gehört, ich habe an dem und dem Tag nicht meditieren können, weil ich zu müde war.
Oder auf dem Sesshin sagen mir Teilnehmer immer wieder auch, ich bin so müde und kann nicht mehr richtig meditieren. 
Und man sieht es dann auch, wie die Augen zufallen, der Körper hin und her schwankt, taumelt, zusammenzuckt und wieder aufschreckt. 
Das kann keine gute Meditation sein - wieder habe ich das halbe Sesshin verpennt.
Ihr kennt das, was ich in diesem Zusammenhang sage, nämlich wenn du müde bist, dann meditiere müde, dann sitz‘ einfach müde.
Hört auf zu werten, als wäre ein müdes Sitzen schlechter als ein so genanntes waches Meditieren. Wenn ich im Zenit meines eigenen Fettes sitze, dann glaube ich gut zu sein und eine tolle Meditation zu haben. 
Mingyur Rinpoche hat in seinem Buch, „Auf dem Weg“ auch ein Kapitel über die Müdigkeit, den Schlaf geschrieben, in dem er sagt: 

Wir neigen dazu, den Schlaf als notwendige, biologische Unterbrechung des Lebens zu betrachten. Wir nehmen das Auflösen der Sinne als selbstverständlich hin und kümmern uns normalerweise nicht darum, was dabei geschieht. Wie Zugedröhnte und Betrunkene verlieren wir einfach das Bewusstsein. Doch dieser Prozess des Auflösens entspricht dem physischen Sterben; tatsächlich erleben wir Nacht für Nacht einen Mini-Tod. Jede Nacht gehen wir mit einem stabilen Selbstgefühl zu Bett. Während unser Bewusstsein schwächer wird, verlieren die Bindungen, die den konventionellen Geist an Ort und Stelle fixieren, ihre Klebkraft. Das physische Abschalten des fundamentalen Versorgungsnetzes des Körpers absorbiert in diesen Prozess die fixierten Parameter des kleinen Selbst und entlässt uns automatisch in Universen weit jenseits der Grenzen unseres wachen Lebens. (Yongey Mingyur Rinpoche, Auf dem Weg, S. 171) 

Das ist eine ganz andere Wahrnehmung von Müdigkeit und Schlaf. Da spricht jemand vom Schlaf nicht als Behinderung oder Eingrenzung, sondern eher vom ganzen Gegenteil. Wenn wir bewusst damit umgehen, können wir diese Grenzerfahrung als Chance wahrnehmen, um die Erfahrung zu machen, dass sich jenseits der Müdigkeit etwas anderes Neues öffnet. Dass wir über den Schlaf Zugang in eine andere Bewusstseinsebene bekommen. 
Der Rinpoche spricht es an, es ist die Ebene der Träume, in der wir manchmal eine Menge über uns selbst erfahren, weil unsere Seele dann ganz unzensiert vom Intellekt zu uns redet. 
Und darum scheint es mir wichtig, dass wir diese Ebene als einen wichtigen Zugang zu uns selbst wahrnehmen.
Ihr kennt von mir den Gedanken, wenn ich sage, seid müde, lasst den Körper schlafen, aber „seid unten drunter wach“. Das ist in der Tat eine oftmals etwas unbeholfen klingende Aussage. Mir fehlen da oftmals die richtigen Worte, um das auszudrücken, was ich meine. Beim Rinpoche habe ich noch einmal schön formuliert gefunden, was er dazu zu sagen hat:

Die meisten von uns können beim Einschlafen das Auflösen der Sinne nicht aufspüren: Irgendwann beim Einschlafvorgang sinkt unser Gewahrsein genauso in den Schlaf wie unsere Sinnesorgane. Um in der Lage zu sein, das Erkennen des Gewahrseins den ganzen Prozess hindurch beizubehalten, bedarf es einer Menge Praxis und eines außergewöhnlich empfindsamen Geistes, wie ihn Seine Heiligkeit, der sechzehnte Karmapa (Rangjung Rigpe Dorje, 1924-1981) entwickelt hatte. Wenn er von Gewahrsein sprach, meinte er pures, nicht-duales Gewahrsein, Gewahrsein ohne einen Beobachter. (Yongey Mingyur Rinpoche, Auf dem Weg, S. 172) 

Und weiter erzählt er dann ganz persönlich:

Kaum war ich in der Haupthalle, nickte ich ständig ein. Ich probierte alle Tricks, um mich wachzuhalten, verdrehte die Augen und bohrte meine Fingernägel in die Schenkel, aber ich dämmerte immer wieder weg. Dann dachte ich: Also gut, dann versuche ich eben, Schlafmeditation zu praktizieren. Zuerst hatte ich ein bisschen das Gefühl zu fallen; dann beruhigte sich mein Geist, und ich konnte etwa fünf Minuten lang im meditativen Gewahrsein ruhen, bis ich diesen Zustand wieder verlor und wie üblich einschlief. Nach ein paar Minuten wachte ich auf und war dann, als ich abermals einschlief, zum ersten Mal in der Lage, meinem Gewahrsein zu folgen. Als ich aufwachte, fühlte ich mich sehr ausgeruht, sehr leicht, und mein Geist war in Meditation. Friedlich, entspannt. Offen mit Klarheit. Das war das erste Mal. Für mich ist die beste Zeit zum Praktizieren der Schlafmeditation immer noch während einer Meditationssitzung, wenn ich sehr müde werde und einschlafe, oder während einer dieser unbeschreiblich langen, langweiligen Zeremonien. (Yongey Mingyur Rinpoche, Auf dem Weg, S. 173 ff.) 

Das Schöne an diesem Buch ist, dass hier ein Mensch, ein Mönch, ein Abt sich vorstellt, der wie wir auch aus Fleisch und Blut ist. Der von seiner Müdigkeit erzählt und auch an anderer Stelle von seinen Ängsten und Zweifeln und, auch damit verbunden, Panikattacken berichten kann.
Hier zeigt sich nach meiner Wahrnehmung eine echte Zen-Persönlichkeit, jenseits von allen Hochglanz-Fotos meditierender Mönche, ganz menschlich in seinem Suchen und Fragen, mit seinen Unsicherheiten und Ängsten und des immer neuen Fragens und Ringens um den Weg. 
So jemand ist uns sehr nahe, verwandt – und gerade so auch darin Hilfe und Weggefährte.

Aber zurück zum Thema Müdigkeit beim Sitzen. 

Wann und wo auch immer, ob auf einem Sesshin oder zu Hause auf unserem Sitzplatz oder wenn ihr nachts einschlaft, probiert es einmal aus, dass der Körper müde sein darf, ihr aber „untendrunter“ präsent bleibt, im Gewahrsein bleibt, wie der Rinpoche es sagt.
Das gelingt nicht auf Anhieb, man muss es probieren und immer wieder dabeibleiben, es versuchen, so wie es beschrieben ist. 
Wenn wir da dranbleiben, werden wir merken, wie sich dann plötzlich etwas wandelt, öffnet, wenn es uns gelingt, die Präsenz, das Gewahrsein aufrecht zu erhalten. Wie sich mit einem Male Dimensionen unseres Bewusstseins öffnen, die wir so noch nicht gekannt haben.
Da öffnen sich Räume, wo uns buchstäblich etwas einfällt, wo Klarheit entsteht und dann auch Wachheit.
Nach außen hin hat es den Anschein, als schliefe jemand und wäre nicht präsent, nach innen kann es aber ganz anders sein. 
Probiert es aus und lasst uns im Dokusan darüber reden und miteinander drauf schauen.

Und damit noch zu einem anderen Thema, dem manche von uns auch auf dem Sesshin begegnen und es auch von der Meditation zu Hause kennen: dem Schmerz.

Vielleicht sollten wir uns bei diesem Thema als erstes einmal bewusst machen, dass in der Regel die Schmerzen, die bei der Meditation auftreten – auch wenn sie furchtbar und zermürbend sein können – nichts mit einer Krankheit oder eine Bedrohung an Leib und Leben zu tun haben, wie zum Beispiel bei einem krebserkrankten Organ.
Wenn ich es vielleicht mal etwas locker formulieren darf, die „Sitz-Schmerzen“, von denen ich hier rede, haben etwas mit der Zwiesprache von Körper und Seele zu tun.

Rinpoche: „Gut am Schmerz ist, dass er um Aufmerksamkeit schreit.“
Ihr kennt es alle, das fernöstliche Modell vom Schmerz besagt: Schmerz ist Blockade. 
Und eben nicht nur in unserem Körper, sondern auch in unserer Seele, unserem Geist.
Der Rinpoche schreibt dazu:
Wenn wir den Geist auf den Schmerz legen, wissen wir, wo der Geist ist. Der Trick ist, des Geistes gewahr zu bleiben. Wenn ein Schmerz nach Aufmerksamkeit verlangt, reagieren wir meistens so, dass wir ihn loswerden wollen. Der Schmerz wird zu einem Objekt außerhalb des Geistes, das vertrieben, hinausgeworfen werden muss. Das ist der seltsame, kontra-intuitive Aspekt des Schmerzes: Wenn wir mit Widerstand auf den Schmerz reagieren, wird er nicht weniger. Vielmehr kommt zum Schmerz noch Leiden hinzu. Das Schmerzempfinden entsteht im Körper. Die negative Reaktion auf Schmerz entsteht im Geist des fixierten Selbst und verwandelt körperlichen Schmerz zu einem Feind. So entsteht das Leiden. Wenn wir versuchen, den Schmerz loszuwerden, spielen wir uns gegen uns selbst aus und werden zu privaten Kriegsgebieten: kein Umfeld, das der Heilung besonders förderlich ist. Bei vielen Menschen haftet sich Selbstmitleid wie Klebstoff an die Krankheit, und die Stimme des Egos fragt: Warum ich? Doch diese Stimme sitzt nicht beim Schmerz im Körper, sondern beim Geist, der sich mit dem Schmerz identifiziert. 
[…]
Schmerzmeditation fällt unter eine Kategorie, die reversierte Meditationen heißt. Reversiert bedeutet, dass wir vorsätzlich alles Unerwünschte und Unwillkommene mit offenen Armen aufnehmen. (Yongey Mingyur Rinpoche, Auf dem Weg, S. 265 ff.) 

Ich begann mit dem Schmerz zu meditieren, indem ich meinen Geist auf die Empfindung der Magenkrämpfe richtete. Ihn dann dort ruhen ließ. Verweile einfach bei der Schmerzempfindung. Nicht hinnehmen, nicht zurückweisen. Nur fühlen. Erforsche die Empfindung. Lass dich nicht zu einer Geschichte über die Krämpfe hinreißen, fühle sie nur. Nach ein paar Minuten begann ich nachzuforschen: Welche Qualität hat dieses Gefühl? Wo sitzt es? Ich bewegte meinen Geist von der Oberfläche in meinen Magen, in den Schmerz selbst. Dann fragte ich: Wer hat diesen Schmerz? 
Eine meiner hochverehrten Rollen? 
Das sind nur Begriffe. 
Der Schmerz ist ein Begriff.
Ein Krampf ist ein Begriff.
Verweile im Gewahrsein jenseits von Begriffen, 
[…]
Krämpfe, Magen, Schmerz sind alles intensive Formen des Gewahrseins. 
Verweile beim Gewahrsein und werde größer als der Schmerz.
[…]
Lass ihn kommen. Lass ihn gehen. 
[…]
Wenn du mit deinem Schmerz eins wirst, gibt es niemanden, dem wehgetan wird.
[…]
…denn Schmerz ist nur eine Benennung. Spüre die Empfindung. Jenseits von Begriffen…  
[…]
Bei jeder Praxis geht es darum, aufzuwachen und sich einer universellen Realität bewusst zu werden…(Yongey Mingyur Rinpoche, Auf dem Weg, S. 268 ff.) 

Wir können den Schmerz nicht direkt verändern, aber wir können unsere Beziehung zu ihm verändern, und das kann das Leiden mildern. Ein Jahr zuvor hatte mich ein Freund in meinen im ersten Stockwerk gelegenen Räumen in Bodh Gaya besucht. Ich war überrascht, als er mit Krücken auftauchte. „Was ist passiert?“, fragte ich. Er hatte eine zermürbende Scheidung hinter sich, und ich wusste bereits, dass seine Frau ihn aus dem Haus geworfen hatte. Er erzählte, dass er versucht hatte, über einen Baum in ein offenes Fenster im ersten Stock ins Haus zu klettern. Aber er war ausgerutscht und hatte sich ein Bein gebrochen. Dann begann er zu lachen. Dieser Schmerz, sagte er zu mir, ist so wunderbar. Ich liebe diesen Schmerz. Er zieht den ganzen Kummer aus meinem Kopf heraus und stopft ihn in einen kleinen Bereich hinein, wie wenn ich meine Fuß in einen Socken stecke. Ich weiß, wo der Schmerz ist und wie ich damit umgehen muss. Jetzt kann ich wieder klar denken. (Yongey Mingyur Rinpoche, Auf dem Weg, S. 270 ff.) 

Ihr wisst und kennt es, mir geht es nicht darum, den Schmerz zu glorifizieren. Aber es gibt auch ein eigenartiges Mysterium von dem Schmerz, das Meister Ekkehard einmal so formuliert hat: “Der Schmerz ist das schnellste Reittier auf dem mystischen Weg“.
Dabei ist klar, der Schmerz ist nicht das Ziel, sondern er kann uns, genau wie die Müdigkeit weiterbringen, in den offenen Horizont unseres Seins. 
Johannes Tauler hat es einmal so formuliert: 

Gelassenheit
Johannes Tauler

Hätten alle Teufel
und alle Menschen sich verschworen,
und würde der Mensch alles erleiden
und sich lassen
und diese Finsternis und Bedrängnis aushalten,
wie es ihn auch schmerzen und bedrücken mag,
und würde er keine Ausflüchte suchen, so oder so,
darin nähme er mehr zu und käme weiter
als in all den äußeren Übungen,
die die ganze Welt zusammen tun könnte.
Bleibe nur bei dir selber
und lauf nicht nach außen
und halte dein Leiden aus
und suche nicht etwas anderes! -
So laufen etliche Menschen,
wenn sie in dieser inwendigen Armut stehen,
um immer etwas anderes zu suchen
und dadurch der Bedrängnis zu entgehen.
Das ist gar schädlich.
Oder sie gehen, um zu klagen
oder um Lehrmeister zu fragen,
und geraten noch mehr in die Irre.

Da kommen einige und reden von so grossen,
geistigen, überwesentlichen, überformlichen Dingen,
gerade als wären sie über die Himmel geflogen.
Und dabei kamen sie noch nie einen Schritt aus sich selber
durch die Erkenntnis ihres eigenen Nichts.

Sie mögen wohl zu vernünftiger Wahrheit gelangt sein;
aber zur lebendigen Wahrheit,
wo die Wahrheit Wahrheit ist,
dazu gelangt niemand,
als auf diesem Weg des eigenen Nichts.[…]


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von Matthias Uhlich 19. Januar 2025
Teisho Raupe/Schmetterling Zum Beginn des neuen Jahres möchte ich gerne ein paar Gedanken zum Leben, zu unserem Leben versuchen. Es geht um das Vitale, auch wenn ich zunächst mit euch zu Grabstätten gehen will. Vielleicht kennen es einige von Spaziergängen über Friedhöfen, vor allem wenn man über alte, historische Anlagen geht, dass auf manchen Grabsteinen Symbole zu finden sind, die anders als die sonst üblichen christlichen Metaphern sind. Die sog. Freidenker im 19. Jh. waren es, die sich ganz bewusst von der christlichen Bestattungstradition distanzierten und sich verbrennen liessen und statt des Kreuzzeichens, andere Bilder, zum Teil aus der römischen bzw. griechischen oder germanisch-keltischen Tradition stammende Symbole auf ihren Grabsteinen verwendeten, so z.B., alte Runen oder die abgebrochene Säule, einen Lorbeer Kranz oder eine sich in den Schwanz beissende Schlange. Ein sehr häufig verwendetes Symbol, ist auch das Bild eines Schmetterlings, das auf einigen Grabsteinen platziert ist. Warum der Schmetterling? Er ist ein altes Gleichnis dafür, dass das Leben Veränderung, Entwicklung ist - auch wenn es so scheint, als fände da ein Sterben statt. Es ist die alte Frage, was passiert, wenn die Raupe stirbt? Stirbt sie wirklich oder geschieht hier nur eine Wandlung, eine Transformation von einem erdgebundenen, engen und begrenzten Dasein, hinein in eine völlig andere Dimension von Leben, Wirklichkeit, nämlich die Existenz des Schmetterlings? Was aber ist das Geheimnis der Metamorphose der Raupe über die Puppe zum Schmetterling? Es ist interessant, wie die Biologen diesen Prozess beschreiben. Und wenn wir diese Wandlung der Raupe im eben beschriebenen Sinne als ein Symbol des Lebens verstehen, was sagt dann dieser Prozess über unser Leben aus? Gerne möchte ich das nun Folgende in zwei Ebenen betrachten. Zum einen unsere ganz persönlichen, individuellen Erfahrungen von Wandlung und Veränderung, die wir in unserem Dasein und auf unserem spirituellen Lebensweg machen. Zum anderen aber auch, was wir gerade in der Gesellschaft und in der Welt an eigenartigem Spiel der Kräfte wahrnehmen können. (Von Ukraine über Nahost, Amerika, China, Russland, unsere Bundestagswahl im Februar - um nur wenige Stichworte zu nennen.) Sowohl was unseren persönlichen Lebensweg angeht, als auch was die gesamte Entwicklung in der Welt betrifft, so kommen wir immer mal wieder ins Fragen, wie wird, wie kann das alles nur so weiter gehen? Und manchem wird bei den Gedanken angst und bange. Der Transformationsprozess, den eine Raupe zum Schmetterling erfährt, könnte vielleicht helfen, uns selbst zu verstehen, aber auch das, was im Grossen geschieht, als einen Prozess der Wandlung und Reifung zu sehen. Und am Ende könnte dies uns Hilfe sein, unseren Weg, den wir sowohl im ganz persönlichen Leben als auch als gesellschaftlichen Prozess durchlaufen, anzunehmen, zu gehen und auch gestalten zu lernen. Und nun einige Beobachtungen der Biologen. Wenn sich die Raupe verpuppt, dann beginnt im Innern der Puppe ein unglaublich intensiver Prozess. Es geschieht nämlich, dass das alte Raupenleben sich auflöst und die ersten Schmetterlingszellen auftauchen. Die haben eine andere Qualität, als die der Raupe. Sie haben eine höher schwingende Frequenz, die, wenn man so will, ein anderes, ein neues Bewusstsein in sich tragen. Ein Erleben, das nicht mehr aus dem Erfahrungs- und Lebensbereich der Raupe stammt, sondern aus einer anderen Ebene kommt. Einer Wirklichkeit, die nicht mehr am Boden klebt, sondern aus einer Ebene kommt, in der sich Leben frei entfalten und bewegen kann. Wo der Raum nicht mehr begrenzt ist. Und so lasst uns den Prozess, der mit der Raupe in der Phase der Verpuppung geschieht, genauer betrachten. Was passiert da eigentlich? Die alten Raupenzellen werden sukzessive von den neuen Schmetterlingszellen verdrängt, ja buchstäblich über-lebt. Kennen wir das nicht auch aus unserem Leben, wie alte Überzeugungen, Konditionierungen, Verletzungen, wie alte Muster und Denkgewohnheiten, in dem Moment, wo wir uns ihnen bewusst stellen, langsam aufgelöst werden und Platz machen müssen für andere, neue Erfahrungen und Entwicklungen, die sich ihren Weg in unserem Leben bahnen. Oftmals entsteht so eine eigenartige Spannung; das Alte bleibt sozusagen Grund und Basis für das Neue, das werden will. Es braucht das Alte, dafür dass das Neue werden kann. Und so ist das Alte Teil desselben Wesens, das sich nun wandelt in einen völlig neuen Teil der Zukunft, der aber schon im alten Leben der Raupe repräsentiert wird. Ab einem bestimmten Punkt kommen immer mehr von den neuen Zellen dazu. Das eigene Raupenimmunsystem frisst das Alte auf und auf diese Weise treten immer mehr Schmetterlingszellen ins Leben. Und ab da fangen diese Zellen an, einen Verbund zu bilden. Also sie liieren sich mit anderen und es entsteht überall eine Art Cluster. Das neue Leben entsteht jetzt, indem es von sich her Kraft und Stärke entwickelt und somit das Alte über-lebt. Das Neue überwindet das Alte. Und es ist wichtig, dass das Neue nicht auf das Alte bezogen bleibt oder mit ihm kämpft, denn das bindet wichtige Kräfte, die es zum Wachstum für das neue Leben braucht. Eine uralte Erfahrung, die wir in der Menschheitsgeschichte sehr gut beobachten können, wie sich Systeme, Herrschaftsbereiche immer wieder wandeln und einander ablösen. Aber mancher von uns mag auch diese Wandlung vom Alten in neue Erfahrungs- und Erlebensbereiche aus seinem ganz eigenen Leben kennen. Es ist die Erfahrung, wie wir immer wieder neue Stufen, Veränderungen unseres Daseins durchschreiten. H. Hesse hat dies in seinem Gedicht „Stufen", das ich schon hin und wieder zitiert habe, in wunderbare Verse gebracht: Stufen Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde! Der Biologe Matthias Forster erklärt den Wandlungsprozess der Raupe zum Schmetterling so: Und das Neue kämpft nicht gegen das Alte, sondern es potenziert sich durch Clustering. Und eines Tages kollabiert das Immunsystem der Raupe und dann geht es ganz schnell und dann gibt es nur noch Schmetterlingszellen. Ein neues Bewusstsein. Aber die neue Form ist dann noch nicht da. Das heisst, die Hülle des Alten der Puppe hält dann dieses neue Bewusstsein zusammen, solange bis durch einen inneren Prozess die neue Form ausgereift ist. Und dann verhärtet die alte Form. Und das ist ganz wichtig. Wenn die alte Form nicht verhärten würde, könnte der Innendruck den Schmetterling nicht sprengen. Und dann ist es auch wichtig, dem Schmetterling, dem darf man nicht helfen. Der Schmetterling braucht die Anstrengung, den Widerstand sich aus der alten Hülle herauszuarbeiten, um an diesem Widerstand die Kraft zu entwickeln, die er braucht, um nachher fliegen zu können, sprich die Freiheit für sich erlangen und leben zu können. Was der Biologe hier beschreibt, scheint mir ganz wesentlich, weil es uns verstehen lehrt, mit den Widerständen in uns, aber auch in dem, was wir in unserer Aussenwelt gerade erleben, konstruktiv umzugehen. Verhärtungsprozesse, die Erfahrung, dass es in uns sehr eng und unerträglich wird, kennen manche von uns. Und es ist uns manchmal schwer, diese Enge und Ängste, die oftmals damit verbunden sind, und die wir auch im Aussen wahrnehmen können, zu würdigen und zu ehren. Und dennoch scheint dieser Druck, der so entsteht, geradezu die Voraussetzung in sich zu bergen, dass alte Muster und Konditionierungen gesprengt werden, damit neuer Raum entstehen, Entwicklung geschehen kann. Auch wenn es sich für das Leben einer Raupe in den verschiedenen Phasen ihres Daseins nicht so anfühlen mag – alles, was mit ihr geschieht, ist jener unglaubliche Prozess des Lebens, der sie durchpulst. Und auch die Momente des vermeintlichen Sterbens sind in der Tat Augenblicke, in denen altes, abgelebtes Leben zu Ende geht. Aber letztlich stirbt da nichts, sondern es passiert eine grosse Wandlung in immer neue Dimensionen unseres Daseins hinein. Das Leben entfaltet sich immer neu und kann letztlich nicht sterben. Wir wissen nicht, was das neue Jahr uns persönlich, aber auch in den grossen Zusammenhängen unseres Miteinanders bringen wird. Aber wir können darauf vertrauen, dass auch im Sterben, im Niedergang alter Muster und Erfahrungswelten, sowohl was unser ganz persönliches Leben angeht, als auch mit Blick auf das, was auf unserer Erde geschieht, das Leben den Sieg davon tragen wird. Dieses Wissen, dieses Vertrauen, kann dem Ganzen einen Sinn geben. Es kann uns auch zeigen, dass es letztlich nicht darum geht, in den Widerstand zu gehen, sondern dass das Clustering, so wie es die Zellen bei der Wandlung der Raupe zum Schmetterling tun, uns helfen wird. Es ist, dass wir uns mit Menschen, die die Zukunft fühlen und leben und gestalten wollen, zusammenfinden, um miteinander als Einzelne und als Gemeinschaft, als Sangha, unseren Weg aufs immer neue zu suchen und zu gehen. Wenn wir uns verbinden, stärken wir einander und potenzieren jene Kraft des Lebens, die durch alles Lebendige geht. Vielleicht sind wir mit dem System, das wir gerade leben, genau in dem Status der Raupe, die gefrässig alles, was vor ihr Maul kommt, auffrisst. Aber dieses System – wir wissen es, glaube ich alle – wird nicht überleben können. Die Schmetterlingskraft ist die Kraft des Lebens, die nach dem erdgebundenen Dasein der Raupe auf uns wartet. Wichtig ist es, dass wir, die wir um diese Kraft wissen, diese leben und weitertragen. Vielleicht ist es das, was wir der nächsten Generation mitgeben können, wenn die sich einmal fragen wird, wie soll es nun weiter gehen? Und damit noch ein letzter Gedanke. Wir sind wohl immer Beides zugleich: Raupe und Schmetterling. Wir sind immer Wandlung. Und in uns sind die Kräfte der Verstockung, der Verhärtung und Vereinzelung. Aber auch die Kraft des Aufbruchs, des immer neu sich schaffenden und schöpfenden Lebens. Im Zusammenspiel dieser Kräfte ereignet sich eine völlig andere Erfahrung von Leben, Lebendigkeit, die jenseits von all dem liegt, was wir bisher kannten: Da gibt es nichts mehr zu beurteilen. Da begegnet uns ein Wissen, das nicht weiss. Da begegnet uns LIEBE. Karl Matthias Uhlich (Hong zhi), Januar 2025
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