Blog Post

Langeweile

Matthias Uhlich • 13. Oktober 2020

Teisho Oktober 2020

Teisho Langeweile

Die meisten Menschen, die meditieren, machen Erfahrung mit der Zeit.
Und dabei gibt es oft ein sehr entgegengesetztes Erleben: Zum einen, dass die Zeit nahezu aufgehoben ist, es keine Zeit gibt. Und zum anderen, dass Zeit sich unendlich dehnt und wir sitzen und warten und warten auf das Signal, dass endlich die Zeit um ist.

Manchmal, beim Warten auf das erlösende Signal, das die Meditationseinheit beendet, sind es die Schmerzen, die den Wunsch nach dem Ende der Sitzeinheit hervor rufen, aber wenn wir dann etwas geübter sind, ist es die Langeweile, die uns überfällt und wir warten, hoffen, dass nun endlich die Zeit rum ist und wir die Meditation beenden können. 
Geht es am Anfang ganz gut, so geschieht es, dass nach längerem Sitzen uns manchmal die Langeweile einfach überfällt und wir sitzen nur noch da und versuchen irgendwie die Zeit rumzukriegen, auszuhalten, warten sehnsüchtig auf das Ende - und die Zeit dehnt sich mehr und mehr.

Langeweile, das ist das, dass wir nicht im Augenblick mehr sein wollen, können, ja, dass wir es uns wünschen, dass es zu Ende geht, weil das Jetzt nicht mehr erfüllt ist mit Sinn. 
Es geschieht nichts und wir können nichts mehr machen. 
Und damit ist deutlich, Langeweile ist bei uns oft mit Sinn- und Ziellosigkeit verbunden.
Wir wollen raus aus dem, was gerade ist, weil wir keinen Gefallen mehr finden an dem, wie es gerade mit uns ist. Es macht uns keinen Spass mehr. 
Schliesslich meditieren wir ja auch, weil wir uns gut fühlen wollen, weil es uns gut oder zumindest besser gehen soll. Weil wir etwas „davon haben wollen“. Sonst macht ja das Ganze keinen Sinn. Und wenn wir in die Langeweile kommen, merken wir, wie der Sinn unserer Meditation verloren geht und wir letztlich alles infrage stellen.
Wie viele Menschen mag es wohl geben, die hoffnungsvoll mit der Meditation begonnen haben, aber dann nach einiger Zeit an genau dem gescheitert sind, wovon ich eben gesprochen habe: der Langeweile.

Willigis Jäger hat einmal gesagt, dass die Langeweile die Urmutter der kontemplativen Erfahrung ist.
Ein spannender Kontrast zu dem, was ich bisher zur Erfahrung der Langeweile gesagt habe. Darum lasst uns noch etwas daran herumfragen:
langweilig wird es, weil es nichts zu tun gibt. Aber ist das nicht genau die Übung, die wir in der Meditation anstreben, in den offenen, zweckfreien Raum zu kommen? …
langweilig wird es, weil wir kein Ziel mehr haben. Aber das genau ist es doch, was uns die alten Meister immer sagen: „Der Weise hat keine Ziele…“ (Shinjin Mei)
langweilig wird es, weil es mir durch das Sitzen in der Stille nicht wirklich besser geht, jedenfalls nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Mehr und mehr habe ich das Gefühl, dass es vertane Zeit ist, wenn ich einfach nur so dasitze und nichts tue. Wie viele sinnvolle Dinge könnten in dieser halben Stunde erledigt werden?
langweilig ist es vielleicht auch, weil immer wieder die gleichen Gedanken und Phantasien auftauchen, die uns vielleicht mehr und mehr nerven.

Bei all dem Vielen, was da auftaucht, merken wir nicht, dass wir gerade durch und in der Langen-Weile den Raum der Ruhe betreten haben. Da, wo es mal nichts mehr zu tun gibt; nichts mehr zu schaffen ist, keine Leistung zu erbringen ist - und wo auch keine Leistung mehr etwas zählt.
Und vielleicht ist es gerade das, was uns irritiert, wo wir die Orientierung verlieren, weil es nichts wirklich Messbares mehr gibt.

Langeweile, die Urmutter der Kontemplation.
Ja, jetzt wo die Langeweile da ist, öffnet sich mit einem Male ein anderer, neuer Raum, der uns in eine andere, vielleicht neue Lebensqualität einführen will.
Das ist der zweckfreie, offene Raum der Kontemplation, wo es nichts mehr zu erwarten, zu finden, zu suchen, zu erreichen gibt. Wo wir einfach nur dasein dürfen mit dem, was wir gerade mitbringen, was wir gerade sind. Dasein mit diesem einen, einzigen Atemzug, der gerade geschieht. Den bewusst wahrnehmen, annehmen, aufnehmen, spüren wie der Atem kommt und geht, wie er fliesst und mich mit seiner Lebendigkeit durchdringt. Dieses einfach nur mitgehen mit dem, was gerade ist. 
Das kurzatmige, schnelle, hastige Leben wird einmal unterbrochen und es entsteht ein Raum, wo wir nur noch zweckfrei dasein dürfen. Alle Leistung, alles Schaffen, Machen Müssen hat ein Ende an der Langen-Weile, denn - „gut Ding will Weile haben!“. 

Weil wir aber das andere Leben gewohnt sind, weil wir lange Zeit so anderes erlebt haben und die Welt, in die wir eingebunden sind, keine Ruhe, kein Verweilen, keine Lange-Weile mehr kennt, müssen wir in der Tat erst einmal neu lernen, uns in dem offenen Raum des Verweilens auszuhalten. Aber wenn uns das gelingt, so merken wir, wie sich langsam unser Blick auf das Leben, auf die Welt verändert - und nicht nur das, ja unser Leben selbst sich zu wandeln beginnt.

Wir alle können uns vielleicht noch an die Zeit des Wartens aufs Christkind erinnern. Wie schwierig war es, diese sehnsuchtsvollen Stunden vor der Bescherung auszuhalten, zu überbrücken, bis es endlich so weit war. „Mama, was soll ich denn noch machen, wann kommt denn endlich das Christkind, wann ist es denn endlich soweit?“ Und die Zeit dehnte und dehnte sich. „Spiel‘ doch etwas…..denk‘ an was Schönes…“usf. Unterschiedlich waren wohl die Ratschläge, die wir bekommen haben.
Heute wissen wir, dass die Sache mit dem Christkind nicht ganz so war, wie man es uns gesagt hatte. Aber wir warten oft genug immer noch aufs Christkind, auf die Bescherung - aus welchen Gründen auch immer - und die Zeit will nicht vergehen, es scheint, als stünde sie still.
Wenn wir es gelernt haben, dass die Zeit, die nicht verplant und mit Zielen und Projekten und sonstigen Inhalten ge- und manchmal auch überfüllt ist, Freiraum für neues Leben bietet, Räume schafft, in denen wir ganz neue Facetten von Lebendigkeit und Kreativität entdecken, dann bekommt die Langeweile mit einem Male eine ganz andere Bedeutung. Dann ist sie kein bedrückender Leerlauf, sondern ein offener Raum, in den hinein sich Leben, mein Leben entfalten und gestalten kann. Dann ist die Langeweile das offene, gepflügte Feld, in das hinein der Samen meines Lebens fallen kann, um zu keimen, zu wachsen und am Ende die Frucht zu bringen.
(Wir sind gerade in der Jahreszeit wo die Natur es uns vormacht und wir die Früchte von einem reichen und erfüllten Jahr ernten können.)

Vielleicht ist an dem bisher Gesagten noch einmal deutlich geworden, dass Langeweile auch ganz viel mit den Vorstellungen und Ideen, die wir in unserem Kopf haben, und unseren Wertungen, die wir immer wieder in die Freiräume von Zeit und Zeitlosigkeit hinein bringen, zu tun hat.
Letztlich sind es unsere Konzepte und Vorstellungen, die uns im Wege stehen, um die freie Zeit, um die Freiräume, die sich immer wieder in unserem Leben ergeben – und die wir manchmal auch bewusst schaffen und gestalten, indem wir uns einen Platz und einen Raum und Zeit zur Meditation schaffen - als Lebensräume erfahren, die wir geniessen, in denen wir verweilen und zu uns kommen können.

Wie viele solcher Freiräume ergeben sich, wenn wir bewusst die Lücken, wo wir warten müssen, einmal ernst nehmen und nicht nur versuchen, uns darüber zu ärgern oder sie hastig mit irgendwelchen Verrichtungen zu füllen, sondern sie als ein Geschenk des Lebens wahr- und ernst nehmen. Da ist der abgesagte Termin, der mir plötzlich Zeit und Raum schafft; da ist das Stehen im Stau, das mich abhält möglichst schnell von A nach B zu kommen und mir Raum und Zeit schafft, mich wahrzunehmen, meinen Körper, meinen Atem, die Welt um mich herum; eine Krankheit, die mich einlädt zum Verweilen, es zu geniessen, kranksein zu dürfen ….
Langeweile wird dann zur großen Möglichkeit, die Intensität des Lebens wieder neu zu erfahren und ihr zu begegnen. Ernst Barlach schreibt dazu: „…. ich weiß, dass ich zu weilen beim Dämmern des Sommerabends, wenn ich allein mit meinen Gedanken in der Veranda hinter unserem Haus sass, … mit überströmendem Herzen in den Himmel sah und nicht wusste, ob mein Herz vor Traurigkeit oder vor Entzücken springen wollte.“ (Ernst Barlach, Prosa aus vier Jahrzehnten, S. 442)
Das Shinjin Mei (Eine Schrift aus dem 6./7. Jh.) drückt es so aus, „unser Weg ist dem Wesen nach weit …. aber wenn wir unser Herz eng machen, sind wir voller Sorgen und Ängste. Wir beginnen uns zu eilen und merken nicht, wie wir dadurch Mass und Zeit verlieren und in die Irre gehen: Lass los, und alles ist natürlich.“ „Lass los, und alles ist natürlich.“ so der Rat der Weisen aus dem 6. Jh., der über die Jahrhunderte hinweg seine Richtigkeit und Gültigkeit auch für unsere Tage erwiesen hat.


Matthias Uhlich 10/20

Mehr im Blog

von Matthias Uhlich 19. Januar 2025
Teisho Raupe/Schmetterling Zum Beginn des neuen Jahres möchte ich gerne ein paar Gedanken zum Leben, zu unserem Leben versuchen. Es geht um das Vitale, auch wenn ich zunächst mit euch zu Grabstätten gehen will. Vielleicht kennen es einige von Spaziergängen über Friedhöfen, vor allem wenn man über alte, historische Anlagen geht, dass auf manchen Grabsteinen Symbole zu finden sind, die anders als die sonst üblichen christlichen Metaphern sind. Die sog. Freidenker im 19. Jh. waren es, die sich ganz bewusst von der christlichen Bestattungstradition distanzierten und sich verbrennen liessen und statt des Kreuzzeichens, andere Bilder, zum Teil aus der römischen bzw. griechischen oder germanisch-keltischen Tradition stammende Symbole auf ihren Grabsteinen verwendeten, so z.B., alte Runen oder die abgebrochene Säule, einen Lorbeer Kranz oder eine sich in den Schwanz beissende Schlange. Ein sehr häufig verwendetes Symbol, ist auch das Bild eines Schmetterlings, das auf einigen Grabsteinen platziert ist. Warum der Schmetterling? Er ist ein altes Gleichnis dafür, dass das Leben Veränderung, Entwicklung ist - auch wenn es so scheint, als fände da ein Sterben statt. Es ist die alte Frage, was passiert, wenn die Raupe stirbt? Stirbt sie wirklich oder geschieht hier nur eine Wandlung, eine Transformation von einem erdgebundenen, engen und begrenzten Dasein, hinein in eine völlig andere Dimension von Leben, Wirklichkeit, nämlich die Existenz des Schmetterlings? Was aber ist das Geheimnis der Metamorphose der Raupe über die Puppe zum Schmetterling? Es ist interessant, wie die Biologen diesen Prozess beschreiben. Und wenn wir diese Wandlung der Raupe im eben beschriebenen Sinne als ein Symbol des Lebens verstehen, was sagt dann dieser Prozess über unser Leben aus? Gerne möchte ich das nun Folgende in zwei Ebenen betrachten. Zum einen unsere ganz persönlichen, individuellen Erfahrungen von Wandlung und Veränderung, die wir in unserem Dasein und auf unserem spirituellen Lebensweg machen. Zum anderen aber auch, was wir gerade in der Gesellschaft und in der Welt an eigenartigem Spiel der Kräfte wahrnehmen können. (Von Ukraine über Nahost, Amerika, China, Russland, unsere Bundestagswahl im Februar - um nur wenige Stichworte zu nennen.) Sowohl was unseren persönlichen Lebensweg angeht, als auch was die gesamte Entwicklung in der Welt betrifft, so kommen wir immer mal wieder ins Fragen, wie wird, wie kann das alles nur so weiter gehen? Und manchem wird bei den Gedanken angst und bange. Der Transformationsprozess, den eine Raupe zum Schmetterling erfährt, könnte vielleicht helfen, uns selbst zu verstehen, aber auch das, was im Grossen geschieht, als einen Prozess der Wandlung und Reifung zu sehen. Und am Ende könnte dies uns Hilfe sein, unseren Weg, den wir sowohl im ganz persönlichen Leben als auch als gesellschaftlichen Prozess durchlaufen, anzunehmen, zu gehen und auch gestalten zu lernen. Und nun einige Beobachtungen der Biologen. Wenn sich die Raupe verpuppt, dann beginnt im Innern der Puppe ein unglaublich intensiver Prozess. Es geschieht nämlich, dass das alte Raupenleben sich auflöst und die ersten Schmetterlingszellen auftauchen. Die haben eine andere Qualität, als die der Raupe. Sie haben eine höher schwingende Frequenz, die, wenn man so will, ein anderes, ein neues Bewusstsein in sich tragen. Ein Erleben, das nicht mehr aus dem Erfahrungs- und Lebensbereich der Raupe stammt, sondern aus einer anderen Ebene kommt. Einer Wirklichkeit, die nicht mehr am Boden klebt, sondern aus einer Ebene kommt, in der sich Leben frei entfalten und bewegen kann. Wo der Raum nicht mehr begrenzt ist. Und so lasst uns den Prozess, der mit der Raupe in der Phase der Verpuppung geschieht, genauer betrachten. Was passiert da eigentlich? Die alten Raupenzellen werden sukzessive von den neuen Schmetterlingszellen verdrängt, ja buchstäblich über-lebt. Kennen wir das nicht auch aus unserem Leben, wie alte Überzeugungen, Konditionierungen, Verletzungen, wie alte Muster und Denkgewohnheiten, in dem Moment, wo wir uns ihnen bewusst stellen, langsam aufgelöst werden und Platz machen müssen für andere, neue Erfahrungen und Entwicklungen, die sich ihren Weg in unserem Leben bahnen. Oftmals entsteht so eine eigenartige Spannung; das Alte bleibt sozusagen Grund und Basis für das Neue, das werden will. Es braucht das Alte, dafür dass das Neue werden kann. Und so ist das Alte Teil desselben Wesens, das sich nun wandelt in einen völlig neuen Teil der Zukunft, der aber schon im alten Leben der Raupe repräsentiert wird. Ab einem bestimmten Punkt kommen immer mehr von den neuen Zellen dazu. Das eigene Raupenimmunsystem frisst das Alte auf und auf diese Weise treten immer mehr Schmetterlingszellen ins Leben. Und ab da fangen diese Zellen an, einen Verbund zu bilden. Also sie liieren sich mit anderen und es entsteht überall eine Art Cluster. Das neue Leben entsteht jetzt, indem es von sich her Kraft und Stärke entwickelt und somit das Alte über-lebt. Das Neue überwindet das Alte. Und es ist wichtig, dass das Neue nicht auf das Alte bezogen bleibt oder mit ihm kämpft, denn das bindet wichtige Kräfte, die es zum Wachstum für das neue Leben braucht. Eine uralte Erfahrung, die wir in der Menschheitsgeschichte sehr gut beobachten können, wie sich Systeme, Herrschaftsbereiche immer wieder wandeln und einander ablösen. Aber mancher von uns mag auch diese Wandlung vom Alten in neue Erfahrungs- und Erlebensbereiche aus seinem ganz eigenen Leben kennen. Es ist die Erfahrung, wie wir immer wieder neue Stufen, Veränderungen unseres Daseins durchschreiten. H. Hesse hat dies in seinem Gedicht „Stufen", das ich schon hin und wieder zitiert habe, in wunderbare Verse gebracht: Stufen Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde! Der Biologe Matthias Forster erklärt den Wandlungsprozess der Raupe zum Schmetterling so: Und das Neue kämpft nicht gegen das Alte, sondern es potenziert sich durch Clustering. Und eines Tages kollabiert das Immunsystem der Raupe und dann geht es ganz schnell und dann gibt es nur noch Schmetterlingszellen. Ein neues Bewusstsein. Aber die neue Form ist dann noch nicht da. Das heisst, die Hülle des Alten der Puppe hält dann dieses neue Bewusstsein zusammen, solange bis durch einen inneren Prozess die neue Form ausgereift ist. Und dann verhärtet die alte Form. Und das ist ganz wichtig. Wenn die alte Form nicht verhärten würde, könnte der Innendruck den Schmetterling nicht sprengen. Und dann ist es auch wichtig, dem Schmetterling, dem darf man nicht helfen. Der Schmetterling braucht die Anstrengung, den Widerstand sich aus der alten Hülle herauszuarbeiten, um an diesem Widerstand die Kraft zu entwickeln, die er braucht, um nachher fliegen zu können, sprich die Freiheit für sich erlangen und leben zu können. Was der Biologe hier beschreibt, scheint mir ganz wesentlich, weil es uns verstehen lehrt, mit den Widerständen in uns, aber auch in dem, was wir in unserer Aussenwelt gerade erleben, konstruktiv umzugehen. Verhärtungsprozesse, die Erfahrung, dass es in uns sehr eng und unerträglich wird, kennen manche von uns. Und es ist uns manchmal schwer, diese Enge und Ängste, die oftmals damit verbunden sind, und die wir auch im Aussen wahrnehmen können, zu würdigen und zu ehren. Und dennoch scheint dieser Druck, der so entsteht, geradezu die Voraussetzung in sich zu bergen, dass alte Muster und Konditionierungen gesprengt werden, damit neuer Raum entstehen, Entwicklung geschehen kann. Auch wenn es sich für das Leben einer Raupe in den verschiedenen Phasen ihres Daseins nicht so anfühlen mag – alles, was mit ihr geschieht, ist jener unglaubliche Prozess des Lebens, der sie durchpulst. Und auch die Momente des vermeintlichen Sterbens sind in der Tat Augenblicke, in denen altes, abgelebtes Leben zu Ende geht. Aber letztlich stirbt da nichts, sondern es passiert eine grosse Wandlung in immer neue Dimensionen unseres Daseins hinein. Das Leben entfaltet sich immer neu und kann letztlich nicht sterben. Wir wissen nicht, was das neue Jahr uns persönlich, aber auch in den grossen Zusammenhängen unseres Miteinanders bringen wird. Aber wir können darauf vertrauen, dass auch im Sterben, im Niedergang alter Muster und Erfahrungswelten, sowohl was unser ganz persönliches Leben angeht, als auch mit Blick auf das, was auf unserer Erde geschieht, das Leben den Sieg davon tragen wird. Dieses Wissen, dieses Vertrauen, kann dem Ganzen einen Sinn geben. Es kann uns auch zeigen, dass es letztlich nicht darum geht, in den Widerstand zu gehen, sondern dass das Clustering, so wie es die Zellen bei der Wandlung der Raupe zum Schmetterling tun, uns helfen wird. Es ist, dass wir uns mit Menschen, die die Zukunft fühlen und leben und gestalten wollen, zusammenfinden, um miteinander als Einzelne und als Gemeinschaft, als Sangha, unseren Weg aufs immer neue zu suchen und zu gehen. Wenn wir uns verbinden, stärken wir einander und potenzieren jene Kraft des Lebens, die durch alles Lebendige geht. Vielleicht sind wir mit dem System, das wir gerade leben, genau in dem Status der Raupe, die gefrässig alles, was vor ihr Maul kommt, auffrisst. Aber dieses System – wir wissen es, glaube ich alle – wird nicht überleben können. Die Schmetterlingskraft ist die Kraft des Lebens, die nach dem erdgebundenen Dasein der Raupe auf uns wartet. Wichtig ist es, dass wir, die wir um diese Kraft wissen, diese leben und weitertragen. Vielleicht ist es das, was wir der nächsten Generation mitgeben können, wenn die sich einmal fragen wird, wie soll es nun weiter gehen? Und damit noch ein letzter Gedanke. Wir sind wohl immer Beides zugleich: Raupe und Schmetterling. Wir sind immer Wandlung. Und in uns sind die Kräfte der Verstockung, der Verhärtung und Vereinzelung. Aber auch die Kraft des Aufbruchs, des immer neu sich schaffenden und schöpfenden Lebens. Im Zusammenspiel dieser Kräfte ereignet sich eine völlig andere Erfahrung von Leben, Lebendigkeit, die jenseits von all dem liegt, was wir bisher kannten: Da gibt es nichts mehr zu beurteilen. Da begegnet uns ein Wissen, das nicht weiss. Da begegnet uns LIEBE. Karl Matthias Uhlich (Hong zhi), Januar 2025
von Meister Hsin Tao 22. Mai 2024
Hsin Tao: Lehrrede
von Shihfu Hsin Tao 2. April 2024
Hsin Tao: Lehrrede
Mehr anzeigen ...
Share by: