DIE VIER GROSSEN GELÜBDE

 

Die Lebewesen sind zahllos,

ich gelobe sie alle zu retten.

Täuschende Gedanken und Gefühle sind grenzenlos,

ich gelobe sie alle zu lassen.

Die Dharmalehren sind unzählbar,

ich gelobe sie alle zu lernen.

Der Weg der Erleuchtung ist unübertroffen

Ich gelobe ihn zu erreichen.

 

 

 

ÜBER ZEN

DaioKokushi

 

Es gibt eine Wirklichkeit,

die vor Himmel und Erde steht.

Sie hat keine Form,

geschweige denn einen Namen.

Augen können sie nicht sehen.

Lautlos ist sie,

nicht wahrnehmbar für Ohren.

Sie Geist oder Buddha zu nennen,

entspricht nicht ihrer Natur,

wie das Trugbild einer Blume wäre sie dann.

Nicht Geist noch Buddha ist sie;

vollkommen ruhig erleuchtet sie in wunderbarer Weise.

Nur dem klaren Auge ist sie wahrnehmbar.

Das Dharma ist sie

und wirklich jenseits von Form und Klang.

Das Tao ist sie,

und Worte haben nichts mit ihr zu tun.

In der Absicht, Blinde anzuziehen,

ließ Buddha seinem goldenen Munde

spielerische Worte entspringen;

seitdem sind Himmel und Erde überwuchert

mit dichtem Dornengebüsch.

O meine lieben und ehrenwerten Freunde,

die ihr hier versammelt seid:

Wenn ihr euch danach sehnt,

die donnernde Stimme des Dharma zu hören,

gebt eure Worte auf,

entleert eure Gedanken,

dann kommt ihr so weit,

das eine Sein zu erkennen.

 

 

 

ERÖFFNUNGSSUTRA

Kai KyoGe

 

Dem Dharma, geheimnisvoll und unvergleichlich tief,

ist selbst in hunderttausend Weltaltern nur schwerlich zu begegnen.

Jetzt können wir es sehen, hören und annehmen.

Mögen wir die wahre Bedeutung des Tathâgata erkennen!

 

 

SHINJIN-MEI

Verse über den Glaubensgeist

von Seng-t'san

Der höchste Weg ist nicht schwer,

wenn du nur aufhörst zu wählen.

Wo weder Liebe noch Hass,

ist alles offen und klar.

Aber die kleinste Unterscheidung

bringt eine Distanz wie zwischen Himmel und Erde.

Soll Es sich dir offenbaren,

lass Abneigung wie Vorliebe beiseite.

Der Konflikt zwischen Neigung und Abneigung

ist eine Krankheit des Geistes.

Wird diese tiefe Wahrheit nicht verstanden,

versuchst du deine Gedanken vergeblich zu beruhigen.

Der Weg ist vollkommen wie leerer Raum,

ohne Mangel und ohne Überfluss.

Nur wenn du wählst und zurückweist,

geht das Sosein verloren.

Jage nicht äußeren Erscheinungen nach,

verharre auch nicht in der Erfahrung der Leerheit.

Bleibe gelassen im Einen,

und alle Verwirrung verschwindet von selbst.

Stellst du das Tätigsein ein

und kehrst zur Ruhe zurück,

ist dieses Bemühen selbst nur wieder Tätigkeit.

Wie willst du je das Eine erfahren,

wenn du in die Zweiheit verstrickt bleibst?

Wer ins Eine nicht vordringt,

wird in keinem Bereich daheim sein.

Existenz zu verachten heißt,

Existenz zu verlieren.

Der Leerheit zu folgen heißt,

sich gegen die Leerheit wenden.

Wenn die Augen nie schlafen,

hören die Träume von selbst auf.

Wenn der Geist nicht unterscheidet,

sind alle Dinge das eine Sosein.

Das Wesen dieses einen Soseins ist ein Geheimnis:

Unbewegt; alle karmischen Bindungen sind vergessen.

Siehst du alle Dinge gleich,

kehren sie heim zum natürlichen Sein:

Ursachen verschwinden, Vergleiche sind nicht möglich.

Bewege dich nicht, und die Bewegung hört auf.

Bringe Ruhe in die Bewegung, und es gibt keine Ruhe.

Wenn beide nicht sind, kann eines dann sein?

Im Absoluten sind keine Regeln.

Der Geist in Einklang mit ihm wird unparteiisch

und hört auf zu planen und zu streben.

Wenn Zweifel und Argwohn ausgeräumt,

ist wahrer Glaube bestätigt und fest.

Alle Dinge sind vergänglich,

nicht notwendig, sie sich zu merken.

Leer, klar und selbstleuchtend

bemüht der Geist sich nicht.

Das ist der Platz des Nichtdenkens,

schwer auszuloten mit Intellekt und Gefühl.

In der Dharmawelt des Soseins

ist kein Anderes und kein Ich.

Wenn man dich bittet, es sofort zu erklären,

kannst du nur sagen: ,,Nicht-Zwei".

Wenn ,,Nicht-Zwei", dann ist alles gleich,

nichts, was nicht eingeschlossen wäre.

Die Weisen der zehn Richtungen

sind alle in diese Weisheit eingetreten.

Der große Weg ist dem Wesen nach weit.

Nichts ist leicht, nichts schwierig.

Engherzige Ansicht führt zu Besorgnis.

Je mehr du eilst, um so länger brauchst du.

Hängst du an solchen Ansichten,

verlierst du das Maß und gehst in die Irre.

Lass los, und alles ist natürlich.

In der Wesensnatur gibt es kein Kommen und Gehen.

Handle gemäß deiner Natur,

und du stimmst mit dem Weg überein,

gehst ihn gelassen und frei ohne Sorge.

Gedanken lenken ab von der Wahrheit.

Aber ein dumpfer Geist bringt es auch nicht.

Wenn du verabscheust, verwirrt sich der Geist.

Was hilft es schon, für oder gegen etwas zu sein?

Wenn du das eine Fahrzeug nehmen willst,

hege keine Abneigung gegen die Welt der Sinne.

In der Tat, wer die Sinneswelt nicht hasst,

ist eins mit der wahren Erleuchtung.

Der Weise hat keine Ziele,

die Unwissenden lassen sich fesseln;

denn obwohl es einen Unterschied zwischen

den Dingen nicht gibt,

bleiben sie an manchem hängen.

Ist das nicht ein gewaltiger Fehler?

Ruhe und Unruhe kommen aus der Illusion,

Erleuchtung kennt weder Vorliebe noch Abneigung.

Alle dualistischen Ansichten

kommen aus falschen Schlüssen.

Sie sind Träume, Phantasien und Flecken vor deinen Augen.

Warum versuchst du, sie zu fassen?

Gewinnen und verlieren, richtig und falsch,

lass sie ein für allemal ziehen.

 

HERZ SUTRA

MakaHannyaHaramita Shin Gyo

Sutra von der Vervollkommnung der Weisheit des Herzens

BodhisattvaAvalokitesvara,

in der Übung der tiefen transzendenten Weisheit

erkannte, dass alle fünf Skandas leer sind,

und überwand so alles Leiden.

Sariputra, Form ist nichts anderes als Leere,

Leere nichts anderes als Form.

Form ist wirklich Leere,

Leere wirklich Form.

Das Gleiche gilt für Empfindung, Wahrnehmung,

Wollen und unterscheidendes Denken.

Sariputra, die Formen aller Dinge sind leer,

sie entstehen nicht und vergehen nicht.

Sie sind nicht rein und nicht unrein,

nehmen nicht zu und nicht ab.

Daher ist in der Leere keine Form,

weder Empfindung, Wahrnehmung,

Wollen oder unterscheidendes Denken,

weder Auge, Ohr, Nase, Zunge oder Körper,

weder Farbe, Ton, Duft oder Geschmack,

weder Berührbares noch Vorstellung,

weder ein Bereich der Sinnesorgane

noch ein Bereich des Denkens,

weder Unwissenheit noch Ende von Unwissenheit.

 

Je mehr Worte und Gedanken,

desto weiter entfernt von der Wirklichkeit.

Schneide Worte und Gedanken ab,

und Es durchdringt alles.

Kehrst du zur Wurzel zurück,

erfasst du die Wahrheit.

Hängst du der Erscheinungswelt nach,

verfehlst du das Wesen.

Ein Augenblick innerer Erleuchtung

trägt über die erste Leere hinaus.

Veränderungen in dieser relativen Leere

sind nichts anderes als Täuschung.

Kein Grund, die Wahrheit zu suchen,

lass all deine Meinungen fahren.

Zwiespältigkeit halte nicht fest.

Sei achtsam und folge ihr nicht.

Auch nur eine Spur von richtig und falsch,

und der Geist ist in Wirren verloren.

Weil es das Eine gibt, existieren die Zwei,

doch halt' auch nicht fest an dem Einen.

Wenn der Geist der Einheit nicht entsteht,

sind die zehntausend Dinge nicht schuld.

Wo keine Schuld ist, ist auch kein Ding.

Das Subjekt vergeht mit dem Objekt.

Das Objekt vergeht mit dem Subjekt.

Das Objekt ist Objekt wegen des Subjekts.

Und Subjekt ist Subjekt wegen des Objekts.

Willst du beide Ebenen kennen:

Sie sind ursprünglich die eine Leerheit.

Die eine Leerheit ist die gleiche in beiden.

In gleicher Weise enthalten sie alle Dinge.

Unterscheidest du nicht zwischen fein und grob,

wie kann es dann Vorurteile geben?

 

 

 

 

 

DER OCHS UND SEIN HIRTE

 

I. Die Suche nach dem Ochsen

Verlassen in endloser Wildnis schreitet der Hirte

dahin durch wucherndes Gras und sucht seinen Ochsen.

Weit fließt der Fluss, fern ragen die Gebirge,

und immer tiefer ins Verwachsene läuft der Pfad.

Der Leib zu Tode erschöpft und verzweifelt das Herz.

Doch findet der suchende Hirt keine geleitende Richtung.

Im Dämmer des Abends hört er nur Zikaden auf dem Ahorn singen.

 

II. Das Finden der Ochsenspur

Unter den Bäumen am Wassergestade sind hier und dort

die Spuren des Ochsen dicht hinterlassen.

Hat der Hirte den Weg gefunden

inmitten des dichtwuchernden, duftenden Grases?

Wie weit auch der Ochse laufen mag

bis in den hintersten Ort des tiefen Gebirges:

Reicht doch seine Nase in den weiten Himmel,

dass er sich nicht verbergen kann.

 

III. Das Finden des Ochsen

Auf einmal erklingt des Buschsängers helle Stimme oben im Wipfel.

Die Sonne strahlt warm, mild weht der Wind,

am Ufer grünen die Weiden.

Es ist kein Ort mehr,

dahinein der Ochse sich entziehen könnte.

So schön das herrliche Haupt mit den ragenden Hörnern,

dass es kein Maler erreichte.

 

IV. Das Fangen des Ochsen

Nach höchsten Mühen hat der Hirte den Ochsen gefangen.

Zu heftig noch dessen Sinn, die Kraft noch zu wütend,

um leicht seine Wildheit zu bannen.

Bald zieht der Ochse dahin, steigt fern auf die hohen Ebenen.

Bald läuft er weit in tiefe Stätten der Nebel und Wolken

und will sich verbergen.

 

V. Das Zähmen des Ochsen

Von Peitsche und Zügel darf der Hirte seine Hand

keinen Augenblick lassen.

Sonst stieße der Ochse mit rasenden Schritten vor in den Staub.

Ist aber der Ochs geduldig gezähmt

und zur Sanftmut gebracht,

folgt er von selbst ohne Fessel und Kette dem Hirten.

 

VI. Die Heimkehr auf dem Rücken des Ochsen

Der Hirte kehrt heim auf dem Rücken des Ochsen,

gelassen und müßig.

In den fernhinziehenden Abendnebel

klingt weit der Gesang seiner Flöte.

Takt auf Takt und Vers für Vers

tönt die grenzenlose Stimmung des Hirten.

Hört einer auf den Gesang, braucht er nicht noch zu sagen,

wie es dem Hirten zumute.

 

VII. Der Ochs ist vergessen, der Hirte bleibt

Schon ist der Hirte heimgekehrt auf dem Rücken des Ochsen.

Es gibt keinen Ochsen mehr.

Allein sitzt der Hirte, müßig und still.

Ruhig schlummert er noch,

da doch die rot brennende Sonne schon hoch am Himmel steht.

Nutzlose Peitsche und Zügel,

weggeworfen unter das strohene Dach.

 

VIII. Die vollkommene Vergessenheit von Ochs und Hirte

Peitsche und Zügel, Ochse und Hirt

sind spurlos zu Nichts geworden.

In den weiten und blauen Himmel reicht niemals ein Wort,

ihn zu ermessen.

Wie könnte der Schnee auf der rötlichen Flamme

des brennenden Herdes verweilen?

Erst wenn ein Mensch in diesen Ort gelangt ist,

kann er den alten Meistern entsprechen.

 

IX. Zurückgekehrt in den Grund und Ursprung

In den Grund und Ursprung zurückgekehrt,

hat der Hirte schon alles vollbracht.

Nichts ist besser, als jäh auf der Stelle

wie blind zu sein und taub.

In seiner Hütte sitzt er und sieht keine Dinge da draußen.

Grenzenlos fließt der Fluss, wie er fließt.

Rot blüht die Blume, wie sie blüht.

 

X. Das Hereinkommen auf den Markt mit offenen Händen

Mit entblößter Brust und nackten Füßen

kommt er herein auf den Markt.

Das Gesicht mit Erde beschmiert,

der Kopf mit Asche über und über bestreut.

Seine Wangen überströmt von mächtigem Lachen.

Ohne Geheimnis und Wunder zu mühen,

lässt er jäh die dürren Bäume erblühen.

 

 

 

 

 

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