Vom Ego und was dahinter liegt


Zu welchem Ufer willst du gelangen, mein Herz?

Es gibt keinen Weg und niemand,

der dir vorangeht.

Was heißt schon Kommen und Gehen?

An jenem Ufer kein Boot

und kein Fährmann das Boot zu verankern.

Da gibt es weder Himmel noch Erde,

weder Zeit noch irgendein Ding,

kein Ufer und keine Küste.

Bedenke es wohl, mein Herz!

Gehe nicht anderswohin.

Kabir

 

Von Evagrius von Pontus, einem byzantinischen Thelogen, der im 4. Jh. als Einsiedler in der ägyptischen Wuste lebte, stammt der Ausspruch: „Gebet ist die Abwesenheit jeglicher Gedanken“ - was besagt, dass nicht nur der Mund, sondern auch der Verstand schweigen soll.

Meister Eckhart sagt: „Der Mensch soll sich nicht begnügen mit einem gedachten Gott. Denn so der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott.“

 

Das meint, dass wir im Grunde einmal alles lassen müssen. Nicht nur unserer Gedanken, die uns ständig durch den Kopf gehen, wenn wir einmal zur Ruhe kommen auf unserem Kissen. Es geht noch um mehr, unsere Konzeptionen vom richtigen Leben, unsere Vorstellungen von Gott, ja, auch unserer Spiritualität, unseren Weg.

Der listige Fuchs, unser Ego, hat viele Spielarten, manchmal gibt es sich kritisch, manchmal intellektuell,  manchmal auch spirituell. Wie gut ich sitze; wie weit ich es schon geschafft habe.....

Das „Ich“ behält dabei immer die Oberhand, und nimmt sich das was es gerade braucht. Das „Ich“ bastelt sich seine Wirklichkeit zurecht, so dass der Suchende immer nur das entnimmt, was seinen persönlichen Zwecken entgegenkommt und alles andere zurückweist.

Erst, wenn ein Mensch sein Gefangensein in der Ich-Struktur erkennt, ist der Augenblick zur Wende gekommen. Viele nehmen den inneren Ruf in sich wahr und spüren ein immer stärker werdendes Verlangen, dass etwas in uns verändert werden muss. Dann ist der Suchende, der Lernende, der sich nach Veränderung sehnt in uns erwacht. Doch wirklich Lernende geworden sind wir erst dann, wenn wir zur Hingabe an den Augenblick bereit sind.

Intuitiv merken manche, dass wir dazu jemanden brauchen, der uns begleitet, uns ermutigt, uns hilft zu erkennen, wenn wir wieder einmal dem Ego auf dem Leim gehen. Jemanden, der den Weg kennt, schon gegangen ist und darum auch um den Schmerz und die Anstrengung und die Widerstände dieser Suche nach der Wahrheit und Wirklichkeit weiß. 

Wer sucht, ist bereits schon auf dem Weg, weil er schon dadurch, dass er sucht, viel mehr vom wahren Leben erahnt als jeder andere, der nicht dazu bereit ist. Wer sucht, wird finden - oder besser, er wird gefunden. Dieses Finden besteht jedoch nicht in einem Sehen und Ergreifen des Gesuchten, denn das entzieht sich immer wieder unserem Zugriff.

Wenn wir das Tor zur Wirklichkeit durchschreiten wollen, müssen wir alles los- und zurücklassen: alles, was uns stützt und Sicherheit gibt, jede religiöse Vorstellung unsere Verhaltensmuster und Denkmodelle, all das muss zurückgelassen werden. Der Begleiter wird dabei Manches in Frage stellen, woran der Suchende sich in verzweifelter Hilflosigkeit wie ein Ertrinkender anzuklammern sucht. Oft genug reagiert das Ego dann mit Ärger, Aggression, fühlt sich unverstanden, ist beleidigt, verletzt – und dann möchte es am liebsten seinen eigenen Weg gehen.

Aber die Gefahr ist, dass man dann sich in sich selbst verfängt.

Auch das gehört wohl zu unserem Weg dazu, dass bei aller Individualität und absoluten Einmaligkeit eines jeden von uns – und damit auch eines jeden Weges, wir dennoch die Anderen brauchen.

Brauchen, um unser Ego abzuarbeiten. Da ist die Gruppe wichtig, und in der Gruppe sind es eben nicht meist nicht nur die die angenehm sind und zusagen, sondern mehr noch die die schwierig und unangenehm sind. Gerade die können uns helfen, wenn es darum geht an unserer Egostruktur zu arbeiten. In anderen Gruppen oder Zusammenhängen versucht man die einem Schwierigen auszusondern, aus der Gruppe raus zu bekommen. Auf unserem Weg sind sie wichtig.

Ein Meister holten den Schwierigen zurück.......

Den Anderen brauchen  wir aber auch noch in einer anderen Hinsicht als Begleiter, wenn es darum geht das Ego zu entthronen. Das Gespräch mit einem Lehrer, einem Meister, den Dokusan-Raum wo alles sein darf und nichts bewertet oder korrigiert werden muss. Wo ich all das sagen kann was das Ego eigentlich für sich behalten und was dem Ego peinlich ist und was es mit Macht und Gewalt zurückzuhalten versucht. Und was so unendlich viel Kraft verbraucht.

Auch hier muss das Ego lernen abzugeben, aufzugeben, um frei zu werden für den Weg, für das was hinter dem Ego liegt an Wirklichkeit und Möglichkeiten. Um dann, wie es Evagrius von Pontus formuliert

eben in jenes Gebet zu kommen, das alle Gedanken aufgibt und so in jene andere Ebene unseres Sein vordringt wo es nur noch die Begegnung mit der anderen Wirklichkeit gibt. Der aber begegnen wir nur, wenn es uns gelingen kann unsere Ego mit seinen unendlich scheinenden Spielarten sich zu retten – von Ärger und Aggression bis Mitleid heischend oder intellektuell wissend und spirituell geht das sich immer wieder neu erschaffende Spektrum der Möglichkeiten. Erst, wenn wir diese überschritten haben begegnen wir dann dem Anderen.

Dazu möchte ich euch immer wieder Mut machen.

Nehmt das an was sich euch in den Weg stellt, denn am Ende wartet auf euch etwas größeres als euer Ego, aber das ist mit dem Ego eben nicht fassbar: „Bedenke es wohl mein Herz und gehe nicht anders wo hin.“

 

 

 

 

Unsere langjährige Erfahrung

 

Zen-Geist – Anfängergeist! So sagen wir es.

Für Menschen, die schon lange den Weg gehen steht die Gefahr diesen Anfängergeist zu verlieren.

Am Anfang, wenn alles neu ist, da ist der Anfängergeist wach. Und da haben wir auch das Gefühl wir kommen gut und schnell voran > Labyrinth macht das deutlich. Aber dann setz irgendwann die Routine ein. Wir haben uns an das immer Gleiche gewöhnt und machen einfach mit.

Die immer gleiche Struktur, die uns helfen soll tiefer zu kommen, kann auch das Gegenteil bewirken, nämlich, dass wir abstumpfen und unsere Wachheit, die Neugier des Anfängergeistes verlieren.

Es gibt Leute, die lange Jahre schon üben – und die fest sitzen. Sie kennen und „wissen“ alles und meinen sie hätten es nun wüssten

Wie es geht.

Zengeist – Anfängergeist!

Im Zen sagen wir, es geht nicht einfach nur ums Sitzen, dann wäre jeder Frosch ein Buddha.

Es geht um die Neugier, immer wieder neu das jetzt zu erfahren. Die Präsenz des Augenblickes: man kann nicht zwei Mal in den gleichen Fluss steigen – ihr kommt immer neu und zum ersten Mal in unseren Zendo – ihr setzt euch immer zum ersten Mal auf euer Kissen, denn so wie der Fluss fliesst und sich ständig verändert so fliessen auch wir, verändern uns von einer Stunde zur anderen, einfach durch das was wir sind und leben. Dem nachzuspüren und da wach zu bleiben und mitzugehen, mich mitziehen zu lassen, das meint Zen, das meint Mystik.

Mystik findet nicht im Zendo statt und hat auch nichts mit Frömmelei zu tun. Mystik geschieht im Alltag, beim Betrachten des kochenden Wassers, das ich so schon 10000 mal gesehen habe und doch wie zum ersten Mal immer neu erfahre. Beim Gehen oder Sitzen in der Natur oder im selbstvergessenen Blicken aus dem Fenster. Genau dadurch können wir in eine solche Geisterverfassung hineingleiten. Mystik hat auch nichts mit Religion zu tun, mit starren Prinzipien und Dogmen. Das Religion, das Geheimnis, das Mysterium findet mitten im Leben, mitten im Alltag statt, wenn wir die herabfallenden Blätter im Herbst betrachten und an nichts Besonderes denken. Plötzlich werden wir von etwas getroffen, gepackt und ergriffen, ohne zu wissen, was das ist.

Mystik ist für den Kirchenvater Augustines „die leise Berührung des Ewigen“, für den Philosophen Ludwig Wittgenstein „das Unendliche“.

 

Mystische Ereignisse sind keine Erlebnisse aus zweiter Hand, darum braucht man auch keine grossen und klugen Bücher zu lesen. Das Eigentliche ereignen sich unmittelbar, in Momenten realer Gegenwart. Für einen Augenblick herrscht „Weltpause“, wie der Philosoph Peter Sloterdijk das beschreibt. Die äußeren Sinneseindrücke verstummen und es ist ganz still in uns geworden. Doch es ist kein Traum oder eine Vision, vielmehr sind wir ganz wach, wenn uns das geschieht. Unser Bewusstsein beobachtet das Geschehen, ohne das Geschehen zu analysieren. Es könnte vielleicht als ein „außer sich sein“ beschrieben werden, als Selbstvergessenheit im Tun, als Grenzverkehr mit dem Unendlichen und Göttlichen.

Schilderungen solcher Erlebnisse durchziehen die gesamte Kulturgeschichte, von Mose, der in der „Wüste“ plötzlich die andere Wirklichkeit erfährt – „Wer bist du, fragt er?„ JAHWE, ich bin das sein, die letzte Wirklichkeit, der Seinsgrund, ich habe keinen Namen. Bis Buddha unter dem Bodhibaum, der ebenfalls das Sein als „LEERE“ erfährt, namenlos.

Menschen, die einen Weg nach Innen gehen, beschreiben ES als ein Hinaustreten aus Raum und Zeit, in dem jede Unterscheidung aufgehoben ist. Solche Augenblicke vermitteln ein Gefühl von innerem Frieden, ein Einverstandensein mit sich selbst und der Welt. Die Zeit steht still, kein Vorher, kein Nachher. Alle personalen und rationalen Grenzen fallen weg und ein Gefühl tiefen Friedens und Glückseligkeit überfällt einen. Wir sind in Kontakt gekommen mit dem Strom des Lebens, mit dem Urgrund unseres Seins. Wer Mystik jedoch nur religiös definiert, als konfessionelle Ekstasen, fasst sie zu eng. Jeder Mensch ist im Grunde Mystiker, egal, ob er religiös ist oder nicht. Wir haben es nur vergessen, weil wir mit unserem Denken ständig nur unsere eigene Wahrheit beanspruchen, weil wir in einer Welt von Ja und Nein leben.

Seit jeher haben Mystiker versucht, das, was ihnen widerfahren ist, in Worte zu fassen. „Die Rose blüht ohne Warum, sagt Angelus Silesius. „Dann wurde mein Herz grundlos, mein Geist formlos und meine Natur wesenlos“, sagt Meister Eckhart. Menschen in dieser Zeit beschreiben es als: „Ich hielt inne, hingegeben an die außergewöhnliche Veränderung. Etwas hat mich mit einer grenzenlosen Liebe erfüllt, dieser kostbaren Essenz und ich hatte aufgehört, mich mittelmäßig zu fühlen, zufällig oder sterblich. Ich hatte aufgehört zu sein und war doch ganz da.“

Dahin geht unser Weg, mit Neugier, Offenheit, Präsenz – Zengeist – Anfängergeist. Und lasst euch von eurer Sehnsucht, die ihr spürt ziehen.

 

 

Vortrag über den  Atem

 

Vielleicht kennen manche von euch die Erfahrung aus dem Sport, aus dem Langstreckenlauf oder im Rad fahren - oder vielleicht auch bei großem längeren Wanderungen, dass man sehr stark mit seinem Atem in Kontakt kommt und das Luftholen ganz bewusst vom Körper her wahrnehmen muss.

Und manchmal geht noch eine andere Erfahrung damit einher, nämlich, dass man an einen Todpunkt kommt, wo man meint, ich kann nicht mehr, es geht nicht mehr, ich bin am Ende. Unter diesen Todpunkt überwunden hat, dass es dann wie von selbst geht. Und dabei entsteht oft eine ganz eigene Atmosphäre der Stille oder Ruhe der man ganz bei sich und in der Welt ist ein Gefühl des angekommen Seins und der Anspannung: so könnte es Ewig weiter gehen.

 

Auch unser Sitzen auf dem Kissen ist immer wieder eine Art Grenzüberschreitung. Manchmal kostet es Überwindung mich hinzusetzen, in die Ruhe der Bewegungslosigkeit und Stille zu gehen. Kaum sitzt man da, möchte man wieder aufspringen, 1000 Gedanken, ein inneres Aufgekratztsein, krippliche Unruhe, die unser wieder dazu bringen will aufzustehen und etwas anderes zu tun, was jetzt auch wichtig wäre: putzen, aufräumen, ein Telefonat, einem Brief schreiben und anderes mehr.....

Da ist es manchmal gut, wenn ich in einer Gruppe von Mitübenden, Mitsitzern, in einer Weggemeinschaft bin.

Ich sitze da und habe Schmerzen, bin unruhig, so eine gute richtige Haltung zu haben unter meinem Atem zu bleiben. Unten dann irgendwann kommt der Punkt wo ich durch all die Anstrengung und Ablenkung und dem diffusen Gefühl des Daseins durchbreche und einfach nur sitze, nur da bin - angekommen bin.

 

Ihr merkt, es geht um die Achtsamkeit, um den Augenblick zu erleben wo ich gerade bin, was sich gerade tue.

Im Grunde kann ich in jedem Augenblick entscheiden wo ich mit meiner Aufmerksamkeit sein will. Ich habe in jedem Augenblick die Chance diese Ausrichtung zu bestimmen. Aber mein Geist, mein Denken, meine Gefühle gehen oft ganz andere Wege mit mir. Nicht ich habe die Zügel in der Hand, sondern eine andere Kraft lenkt meine Gedanken, meinen Geist, mein Dasein.

Was können wir dagegen tun, das offenbar immer etwas ganz anderes Herrschaft über uns hat?

Es gibt verschiedene Übungen, die uns helfen können aus der Vielfalt der Gedanken, aus dem Wirrwarr der Gefühle, aus der mit der Eindrücke unter über Reizung unseres Daseins auszusteigen.

Eine der Übungen, die von alters her praktiziert wurde ist das beachten des Atems.

Den Atem in seiner rhythmische Bewegung, in der sich im Brustkorb weitet und wieder verengt. Den Atem an dem Punkt der Ruhe oder des Stillstehens wahrzunehmen: am Ende des Ausatmens gibt es eine Pause, und es gibt eine Pause am Ende des Einatmens. Zu spüren wie der Atem durch die Naselöcher strömt - durch das rechte oder durch das linke - dem einen vielleicht stärker dem anderen schwächer, oder beiden gleich?

In der Vipassana Meditation gibt es die Übung der Achtsamkeit auf den Atem. Zu spüren wie der Art wenn die Nase einströmt und wieder ausströmt. Beim Einatmen strömt die kalte Luft in uns ein und als Luftstrom wieder aus dem Körper aus. Menschen, die das konsequent üben merken wie sie eine Konzentrationsfähigkeit erlangen, die auf den Körper bezogen ist. Es gibt keinen Stillstand, es ist immer Bewegung, Veränderung, Altes abgeben, Neues aufnehmen, ein ständiger Prozess des Werdens und Vergehens.

Der Atem, wie er in die Lunge einfließt. Wo Strömt eigentlich mehr Luft ein, in den rechte oder den linken Lungenflügel?

Das Atmen sich vorstellen, visualisieren, wie die Luft an der Wirbelsäule aufsteigt bis zum Scheitelpunkt des Kopfes und beim Ausatmen lassen wir den Atem an der Vorderseite des Körpers herunter strömen.

Das sind Dinge, die wir immer, wenn wir dran denken, üben können.

Wir können das, was dadurch entsteht, vielleicht als eine Art Atem - Körper bezeichnen. Also eine Verbindung zwischen Atem und Körper, zwischen außen und innen, zwischen Innenwelt und Außenwelt. Und wenn wir immer dranbleiben und uns in die Übung hinein atmen dann entwickelt der Atem - Körper eine Art Eigenleben. Nach und nach werden Gedanken an den Atem gebunden und damit direkt an die Situation. So sind die dann den Augenblick bezogen, auf die Situation, ich hier und jetzt. So beginnt ein Anfang unsere Gedankenwelt, die sich oft in der Vergangenheit oder Zukunft abspielt, in den Augenblick zu integrieren.

 

In einem ersten Schritt ist es ganz einfach, es geht nur darum mit unserer Aufmerksamkeit an Atem zu seinen und dem hinzugeben, uns ihm zu überlassen. Aber lange h wo liegen alten wird es bekanntlich nicht durch. Ein Grund dafür mag vielleicht die Flüchtigkeit des Atems selbst zu sein, dass auch weiter ohne unser zutun fließt und atmet, ein- und ausströmt. Aber die Übung in Atem in in den Mittelpunkt zustellen, kann auch dazu helfen, dass wir uns darauf einlassen müssen, uns ausschließlich in diesem Augenblick aufzuhalten. In diesem Augenblick, indem es nichts anderes mehr gibt. Die gibt es kein Ziel, er muss sich nicht irgendwohin, ergibt es nichts zu tun. Ich bin ganz beim Atem. Ich bin ganz der Atem.

Und so wird aus einer Übung, an die unser wieder erinnern müssen vielleicht so etwas wie eine Lebenshaltung: bin ich bereit mich wirklich ganz in diesem Atem hinein zu geben? Bin ich bereit mich als Matthias, und sei es nur für einen Augenblick, aufzugeben, mich aufzugeben als klar definierte Person? Kann ich wirklich hingehen und mich ganz in diesem Atemzug auflösen, ganz dieser Atemzug werden? Es ist die Entscheidung mich loszulassen, sich fallen zu lassen ohne Netz und doppelten Boden. Ich gebe mich auf im Sinne von wirklich angekommen. Bilder oder Ideen, ich und alles was darum da ist sind abgefallenen. Und all dieses nur einen Atemzug entfernt.

 

Damit sind wir bei der Frage wo hin übe oder sitze ich, wenn ich übe oder sitze? Wo will ich hinkommen, wenn ich übe? Was ist der Sinn? Was mein Ziel? Wenn ich mich bewege, wo hin bewege ich mich?

Wenn wir jetzt in diesem Augenblick unseren Körper trachten, können wir vielleicht etwas überraschendes erkennen. Der können mit unseren Gedanken in Afrika oder bei der Fußballweltmeisterschaft oder im Vorgestern oder Übermorgen sein. Diese Möglichkeit hat unser Körper nicht. Er ist hier und nur hier. Er ist immer hier, angekommen. Und in unseren Körper der Atem auch. Er geht, er atmet, er ist. Um wirklich in den Augenblick zu kommen brauchen wir eigentlich uns gar nicht weit fort zu denken, Gemüse einfach nur in unserem Körper, bei unserem Atem angekommen und wenn wir da sind, dann sind wir auch da, im Augenblick, im hier und jetzt.

 

Ich selbst habe diese Übung des Atems gerade in letzter Zeit wieder neue schätzen und lieben gelernt. Sie kann uns schnell wieder ins hier und jetzt, in die Präsenz, in den Augenblick bringen.

 

Und so möchte ich euch Mut machen, dass ihr in der Übung bleibt und immer wieder es versucht absichtslos in das jetzt in den Augenblick zu kommen.

 

 

 

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 Labyrinth

 


Wenn Ich mit Kindern Labyrinthe angesehen und ihnen gezeigt habe, wie man mit dem Finger

hineinfahren und der Spur folgend zur Mitte hin kommen kann, ist es manchmal vorgekommen, dass Kinder vom Anfang direkt in die Mitte hineingefahren sind.

Ich glaube, für die kleinen Kinder stimmt dieser Weg so, denn sie sind anders als wir Erwachsenen, direkter, sehr viel näher an dem, was wir die Mitte unseres Lebens nennen. Karl Friedrich von Weizsäcker hat einmal gesagt: "Ich würde zunächst sagen, eigentlich weiß das Kind das schon alles, was der Erwachsene jemals wissen wird. Es weiß nur nicht, dass es weiß. (...) In der Kindheit habe ich vollkommen elementar gelebt ".

Damit Ist angedeutet, was das Labyrinth uns sagen, lehren will, nämlich, dass für uns Erwachsene die Begegnung mit „DER MITTE" über einen Erfahrungsweg möglich ist. Diesen Weg zeichnet das Labyrinth. Labyrinthe sind sehr alte Meditationsformen, deren früheste Darstellungen auf über

5000 Jahre zurückreichen. Sie sind in fast gleicher Form in allen Kulturbereichen unserer Welt zu finden.

Das hier dargestellte Labyrinth gehört mit zu den Urformen, die in späterer Zeit oftmals variiert worden sind. Es beschreibt einen Weg in die Welt, der für jeden anders ist, der aber auch manches

Verbindende hat. Erfahrungen, die alle, in ähnlicher Weise machen können, ganz gleich welcher Religion oder welchem Kulturkreis sie auch angehören.

Und nun ist es wichtig, ganz einfach einmal selbst mit dem Finger in die Spur des Labyrinthes hinein zu gehen, ihr zu folgen zur Mitte und aus der Mitte wieder heraus. Das ständige

Wiederholen des Weges, das sich leiten lassen und Zulassen von dem, was da an Bewegung mit mir geschieht, machen den "Gang" so interessant.

Einige Gedanken aus meinen Erfahrungen:

Ein eigenartiges Schwingen um die Mitte aber auch von der Mitte weg. Mancher erfährt es so: Man beginnt etwas - begibt sich z.B. bewusst auf einen inneren Weg - oder aber den der Selbsterfahrung, der Begegnung mit sich und anderen - und am Anfang erscheint alles gut und leicht und wir sind, wie beim Weg ins Labyrinth, gar nicht weit von der Mitte entfernt.

Mit einem Male aber werden wir nach ganz außen getragen. Für manchen ist das auch eine bittere Erfahrung auf diesem Weg: Die anfänglich guten Erfolge verwandeln sich und alles scheint schwierig, schmerzvoll, langwierig, lähmend, weiter denn je vom Mittelpunkt entfernt. Dazu auch,

die Erfahrungen, dass es fast immer nur im Kreis geht, dass der Weg immer gleich erscheint, ob vorwärts oder rückwärts, machen so hoffnungslos.

C.G. Jung hat einmal auf die Frage, was denn der direkteste Weg zur Mitte sei, geantwortet: "Der Umweg."

Das mag für manchen widersprüchlich oder gar geheimnisvoll klingen. Und in der Tat, es ist ein Geheimnis unseres Lebens, dass es oft die Wege sind, die uns von unserer Planung her als Um

oder Abwege erscheinen, die uns mehr und tiefer in die Mitte unseres Lebens führen, als die vermeintlich "geraden" Wege.

Aber noch mehr wird am Labyrinth deutlich, der Weg hier ist der längst mögliche innerhalb des vorgegebenen Raumes. Erst wer ihn ganz durchschritten und die Mitte wirklich von allen Seiten umkreist hat, wird zum tiefsten Punkt seines Wesens gelangen. Das bedeutet zum einen, dass es viel Kraft und Ausdauer braucht, um in jenes Innere zu gelangen, zum anderen aber dort angekommen, sind wir am tiefsten und geschütztesten Punkt angelangt.

Und dennoch, wenn wir unterwegs sind scheint es oft, dass es immer nur das Gleiche ist und nur wenige Millimeter die Wege verschoben sind. Aber gerade das ist ja das wichtige, obwohl man das Gefühl hat, dass es kein Vorwärtskommen gibt, obwohl man meint, immer nur ein und denselben

Weg zu gehen, ist der Weg doch ein anderer. Und das merkt man, wenn man sich plötzlich von ganz außen stärker zur Mitte hin bewegt.

Entwicklung ist nicht eine stetig ansteigende Kurve, sondern Entwicklung geht oft in Sprüngen, Stufen vor sich und wir sind mit einem Male in einen anderen tieferen Bereich oder Bewusstsein. Vom ganz äußeren kommen wir unverhofft in einen sehr viel weiter innen liegenden Kreis hinein: Auf einen Weg, der - und dieses von Hand angefertigte Labyrinth macht es deutlich - mit seinen Unebenheiten, mit Höhen und Tiefen, mit angenehmen Stücken und mit Ecken und Kanten mal eine für uns angenehmere und mal eine unangenehmere Strecke ist, macht das deutlich.

Nur wenn wir auf dem Weg bleiben und weitergehen, führt der zur Mitte hin. Und das Eigenartige ist, wenn man meint, schon ganz nahe dran zu sein, schon die Mitte erreicht zu haben, schwingt der Weg noch einmal nach außen, weg von ihr:

Der Zweifel; die Frage, ist das wirklich mein Weg; noch einmal fühl ich mich wie ein Anfänger; alles scheint leer und voller Widerstände zu sein.

Vielleicht war dies auch die Erfahrung eines alten chinesischen Mönches, der viele Jahre in einem Zen-Kloster geübt hat, der aber nie erleuchtet worden war. Er ging zu seinem Meister und fragte: "Darf Ich in die Berge gehen und diese Praxis beenden? Das ist alles, was ich leben will, sehen, was es mit dieser Erleuchtung auf sich hat." Der Meister wusste, dass dieser Mann dafür reif war und gab ihm die Erlaubnis.

Auf dem Weg zum Berg traf der Mönch einen alten Mann, der mit einem großen Bündel herabzog. In Wirklichkeit war dieser Mann der Boddhisattva Manjusri.

Der alte Mann kam von dem Berg herab und sagte zu dem Mönch: "Wohin gehst du?" Der Mönch antwortete: "Ich gehe mit meiner Schale und ein paar Sachen auf den Gipfel des Berges. Ich werde dort sein um entweder erleuchtet zu werden oder zu sterben. Mehr will ich nicht. Ich bin schon lange Mönch, und jetzt muss ich wissen was es mit dieser Befreiung auf sich hat."

Da der Mann weise aussah, fragte ihn der Mönch: "Sag mir, alter Mann, weißt du etwas über die Erleuchtung."

Der Alte ließ einfach sein Bündel fallen. Da erfuhr der Mönch tiefe Erleuchtung.

Die Geschichte macht deutlich, an dem Punkt, wo wir wirklich das "Bündel" loslassen, sind wir mit einem Male in dieser Mitte.

Was die östliche Tradition Erleuchtung nennt, ist im Grunde genommen, eine nicht mehr beschreibbare Erfahrung des Einswerdens mit dem GANZEN.

Aber es geht noch weiter. Nachdem der Mönch die tiefe Erfahrung der Seinsberührung gemacht hat, sieht er den alten Mann an und fragt "Und was nun'?" Und statt einer Antwort bückt sich der alte Mann, hebt sein Bündel auf und macht sich weiter auf den Weg in die Stadt.

Und genau das ist das, was das Labyrinth uns weiter deutlich macht. Der Endpunkt des Weges ist nicht die Mitte. Denn von hier gilt es nun das Bündel wieder aufzunehmen und den Weg in die Welt zu gehen. Jemand sagte mir einmal: „Ich habe gedacht, nachdem ich eine tiefe Erfahrung hatte, dass nun endlich mal alle Schwierigkeiten vorbei wären und mein Leben gut würde. Aber

nun geht es mit dem Schweren doch auch weiter."

Es ist eine Erfahrung, die Andere auch so machen, dass unser Weg in der Mitte noch nicht endet

und wir, so scheint es, nun auf dem Rückweg auch wieder an dem vorbei müssen, was wir schon

kennen — und doch Veränderung mit uns geschieht und wir Herausforderungen anders annehmen können.

Es ist eine eigenartige Verschränkung zwischen im Grunde schon Bekanntem aber doch jetzt ganz Neuem auf diesem Weg. Alles steht nun doch in einer ganz anderen Dimension, in einem anderen Zusammenhang. Und dabei wird wohl in überraschender Weise deutlich, dass das Eigentliche ja gar nicht die Erfahrung in der Mitte gewesen ist, sondern diese weit überboten wird von jenem Erleben, das wir nennen "Auf dem Weg sein." Und der Weg geht immer in die Stadt oder wie es eine Zen-Dichtung sagt, auf den Marktplatz. In der Welt, bei den Menschen endet der Weg zur Mitte unseres Seins. Das haben alle großen mystischen Traditionen gemeinsam. Und eben auch dies, nicht die Erfahrungen - wie groß und schön oder schrecklich und beklemmend sie sein mögen - sind es, sondern der Weg auf den sich der Einzelne begibt und auf dem er bleibt. Dies ist der Weg, der ins Leben führt. Und so wie der Wassertropfen sich mit dem Meer vereint, vereint sich dann einmal das Leben eines Menschen wieder mit dem: LEBEN

 

 

 

 

 

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