Ecce Homo

Friedrich Nietzsche

 

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr' ich mich.

Licht wird Alles, was ich fasse,

Kohle Alles, was ich lasse:

Flamme bin ich sicherlich.

 

 











     Dem unbekannten Gott

Friedrich Nietzsche

 

Noch einmal, eh ich weiterziehe

Und meine Blicke vorwärts sende,

Heb ich vereinsamt meine Hände

Zu Dir empor, zu dem ich fliehe,

Dem ich in tiefster Herzenstiefe

Altäre feierlich geweiht,

Dass allezeit

Mich deine Stimme wieder riefe.

Darauf erglüht tief eingeschrieben

Das Wort: Dem unbekannten Gotte.

Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte

Auch bis zur Stunde bin geblieben:

Sein bin ich - und ich fühl die Schlingen,

Die mich im Kampf darniederziehn

Und, mag ich fliehn,

Mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will Dich kennen, Unbekannter,

Du tief in meine Seele Greifender,

Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,

Du Unfassbarer, mir Verwandter!

Ich will Dich kennen, selbst Dir dienen.

 

 

 

 

 

 

 

Die Mitte des Seins

 

Shakyamuni Buddha hatte in seiner Jugend und als junger Mann die beiden Extreme kennengelernt: den vollkommenen Luxus und die vollkommene Askese. Beides, so erkannte er, sind Sackgassen und führen nicht zur Befreiung. Die Extreme sind in Randbereichen unserer Existenz angesiedelt, und ein Mensch, der sich in solche Extreme begibt, läuft Gefahr, von diesen Extremen getäuscht, geblendet, zerrissen oder gelähmt zu werden. Erregung und Überspanntheit einerseits und Schlaffheit und Trägheit andererseits sind in diesen Grenzbereichen, und wir verlieren den bewussten Kontakt zu unserer Mitte. In diesen Randbereichen zu leben, ohne immer wieder Kontakt zur Mitte zu finden, macht, dass wir unser Gleichgewicht nicht halten können. Es sind keine wirklich stabile Lebensweisen - zumindest nicht für längere Zeit. Ein Mensch, der seine Mitte kennt, der sein Zentrum in sich gefunden hat und dessen Bewusstsein dort ruht, ist fähig auch schwierige Erfahrung durchzumachen und doch wach und gelassen zu bleiben. Die Verbindung zu seiner Lebensmitte geht nicht verloren.

 

Ganz ähnlich hat es Meister Eckhart (um 1260-1328) ausgedrückt: "Die ein gutes Leben beginnen wollen.,die sollen es machen wie einer, der einen Kreis zieht. Hat er den Mittelpunkt des Kreises richtig gesetzt und steht der fest, so wird die Kreislinie gut. Das soll heißen: Der Mensch lerne zuerst, dass sein Herz festbleibe in Gott, so wird er auch beständig werden in allen seinen Werken."

Der Mittelpunkt des Kreises. das ist für Meister Eckhart Gott, und unser Mittelpunkt ist unser Herz. Wenn unser Herz, der Ursprung unseres ganzen Strebens, Wollens und Handelns mit dem göttlichen Mittelpunkt zur Deckung gebracht wird, dann wird unser Leben erfüllt, lichtvoll und gleichzeitig sehr einfach sein.

Der römische Philosoph und Mystiker Plotin (204 - 270), der sich selbst in der Tradition der alten Griechen als ein Nachfolger Platons und Sokrates sah, betont die Schlichtheit und gleichzeitig die Göttlichkeit einer solchen Erfahrung. Er sagt: "Wer nun sich selbst geschaut hat, wird sich dann, wenn er schaut, als jemand erkennen, der einfach geworden ist. Oder besser gesagt: Er wird einfach mit sich selbst verbunden sein und sich einfach fühlen…. Dort angekommen ist er aufgegangen in Gott und ist eins mit Ihm geworden, wie ein Mittelpunkt, der mit einem anderen Mittelpunkt zusammen fällt."

 

Die ganze Mystik spricht oft von der „Erfahrung der eigenen Mitte“. Wir werden unaufhörlich dazu angehalten zu entdecken, wer wir im eigenen Inneren sind. Denn nur ein Mensch, der seine eigene Mitte kennt, kann auch Gott erkennen. Der Weg zur Gotteserkenntnis, zur Erfahrung der Göttlichkeit, oder der Buddhanatur, führt direkt zur eigenen Mitte, zum eigenen Selbst oder zum eigenen Grund, wie Meister Eckehart es einmal nannte.

Meister Eckehart: Denn wer kommen will in Gottes Grund, in dessen Innerstes, der muss zuvor in seinen Grund, in sein Innerstes kommen, denn niemand kann Gott erkennen, der nicht zuvor sich selbst erkennen müsse! (23)

 

Meditation heißt daher zunächst einmal: die eigene Mitte finden, ins Lot mit sich selbst kommen. In der Regel treiben wir uns immer  „irgendwo" herum, und sind selten nur wirklich bei uns. Wenn wir uns jedoch wirklich kennen lernen wollen, so ist dies durchaus möglich. Allerdings müssen wir uns auf dieses Unternehmen entschlossen mit unserer Totalität und Ganzheit einlassen. Es ist sicherlich kein lauwarmes Unterfangen. Wir müssen unsere ganze Kraft und Aufmerksamkeit einsetzen, weil wir sonst nur wieder abgelenkt werden und auf Irrwegen ins Labyrinth geführt werden.

 

Der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz sagt: "Das Zentrum der Seele ist Gott. Wenn sie ihn liebt mit allen Fasern ihres Seins, mit der ganzen Kraft ihres Tuns und Wünschens, gelangt sie zu ihrer tiefsten Mitte."

Wir müssen uns also anstrengen, wir  müssen alles darangeben und uns vollkommen einlassen in diesen Urgrund Gottes. Mit jedem Atemzug gehen wir tiefer und tiefer. Nach und nach durchdringt unsere Wachsamkeit auch die undurchsichtigsten Schichten und Schleier. Dabei wird natürlich auch einiges „aufgescheucht" und "geweckt", dem wir uns stellen müssen. Vieles mag uns nun ins Bewusstsein kommen, das wir vielleicht schon lange vergessen und für immer abgelegt glaubten. Vieles mag uns erst jetzt, mitten in unserem Bemühen, bewusst werden. Und so wird jeder, der sich auf eine solche Praxis einlässt, mit alten Schatten und anderen Elementen der Psyche konfrontiert. Wir sollten uns hier jedoch nicht abschrecken lassen, sondern trotz aller Anstrengung gelassen bleiben. Unsere Praxis ist eine Praxis der Reinigung und der Läuterung, und durch unser Sitzen und Üben können sich alle Blockaden in uns lösen und alle Ungeklärtheiten neu ordnen oder verwandeln.       

 

Im dem alten mystischen Text von der Wolke des Nichtwissens (Kap 6) wird dem Übenden folgender Rat gegeben: "Stoße mit dem scharfen Speer der Liebe in jene dichte Wolke des Nichtwissens. Höre nicht auf damit, was immer auch kommen mag!"                                                                                                                                                        

Wir müssen also etwas Geduld und Ausdauer mitbringen, wenn wir uns auf die Reise in unser Inneres einlassen. Wir dürfen nicht nach lassen, mit dem scharfen Speer der Liebe und der Aufmerksamkeit weiter zustoßen, so lange, bis es kein „weiter" mehr gibt.

 

 

 

 

 

Eckehart Texte

 

Immer wenn in Bildern gesprochen wird, haben diese ein doppeltes Gesicht, das äußere muss schon sein, damit es für jedermann leicht zu fassen ist und den Leser lockt, schöner aber muss das innere Gesicht sein, da es in seiner Tiefe Geheimnisse hütet, die übervoll sind von der Würde des Unbegreiflichen. Letzteres überzeugt in seiner  Schlichtheit und spornt zugleich die Aufmerksamkeit aller an, die nicht leichtsinnig über Texte hinweg lesen, sondern sich so lange mit ihnen abmühen, bis sie an den Horizont des Verstehens gekommen sind.

Der Herr hat sein Siegel untilgbar in den Worten der Schrift eingeprägt, dass alles, was der Verstand ihnen entlockt, sofern es vernünftig ist, auch wahr ist. Die Gleichnisse und Metaphern, Fabeln, Parabeln, Rätsel und Allegorien der Heiligen Schrift bergen ein Wissen, das außer in ihnen nur noch aus den Schriften der Philosophen gewonnen werden kann. Die Schriften der Offenbarung wie auch der Philosophie öffnen dem Denken Türen zu immerwährenden Wahrheiten.

 

Manchmal sage ich „Gott ist Sein“, dann wieder <Gott ist Nichts>, manchmal "Gott ist Intellekt und Erkennen und dann wieder <Gott ist Eines>. Das lautere Sein Gottes zeigt sich erst bei der Verneinung des Seienden, dann ist es nichts als Vernunft. Letzten Endes jedoch übersteigt der Mensch nicht nur das Sein, sondern auch die Vernunft. Denn Gott ist der Ursprung des Übersprudelns nach außen, und insofern er erkennt, ist er der Ursprung des Sprudelns in sich selbst.

 

 

Erbarms's Gott, dass die Leute so wenig von der göttlichen Wahrheit erkennen! Diese Menschen heißen heilig auf Grund ihres äußeren Anscheins; aber von innen sind sie Esel, denn sie erfassen nicht den eigentlichen Sinn göttlicher Wahrheit.

 

Zum ersten habe ich die Absicht, die Lehren des christlichen Glaubens und der Heiligen Schrift mit Hilfe der natürlichen Gründe der Philosophen auszulegen. Denn was an Gott unsichtbar ist, wird von dem Geschöpf in der

Welt durch das Geschaffene erkannt und erschaut. Dies gilt sogar für die Dreieinigkeit Gottes. Die Kraft Gottes ist sein Sohn und seine Gottheit ist der Heilige Geist .

Die Heilige Schrift wird nur dann angemessen erklärt, wenn das, was die Philosophen über die Natur der Dinge und ihre Eigenschaften geschrieben haben, mit ihr übereinstimmt, denn alles geht aus einer einzigen Quelle und Wurzel hervor: was wahr ist, liegt zugleich im Sein, im Erkennen, in der Schrift und in der Natur. Es ist also absolut dasselbe, was Moses, was Christus und was der Philosoph lehren. Sie unterscheiden sich nur in der Art und Weise, wie sie es lehren.

(Thomas von Aquin, der heiliggesprochene Kirchenlehrer, macht  einen Unterschied, ob Erkenntnis aus der Natur oder aus Traditionen gewonnen wird. Die Philosophie dient der Theologie als Magd(!), sagt er, nicht mehr und nicht weniger. )

 

Das Sein und Seiende und sein Gegensatz, das Nichts; die Einheit und das Eine und sein Gegensatz, das Viele; die Wahrheit und das Wahre und sein Gegensatz, das Falsche; alle diese Grundbegriffe gelten sowohl für die Philosophie wie für die Theologie. Und gerade darin ist auch der Grund zu sehen, dass unser Denken eins sein kann mit dem Gedanken Gottes. Die Distanz, die wir haben, wenn wir normalerweise denken und erkennen, verliert sich. Wir werden mit uns seIbst identisch.

 

Einmal, an der hohen Schule zu Paris wurde ich gefragt, ob das Erkennen Gottes edler sei als das Streben zu Gott? Ich gab zur Antwort, dass der gottförmige Mensch edel sei. Gottförmig aber ist der Mensch, wenn er erkennt. Daraufhin wurde mir entgegengehalten, dass viele einfache Leute edler seien als große Gelehrte, die meinen, Gott und die Welt zu erkennen. Dem kann ich nur zustimmen, denn zum Erkennen Gottes bedarf es nicht der Gelehrsamkeit, sondern der Freiheit. Sie aber liegt mehr in der Vernünftigkeit des Menschen als in seinem Willen.

(Ekkehart setzt sich hier mit  der Lehre der Franziskaner (Minoriten-Brüder) auseinander. Nach deren Auffassung gelingt es dem Menschen nur kraft eines festen Willens, das Himmelreich zu erringen. Wenn der Mensch sündigt und Schuld auf sich lädt, tut er dies, weil sein Wille fehlgeleitet oder zu schwach ist. Durch Buße, Opfer und die Bitte um Vergebung und Gnade aber kann er sich retten.)

 

Das ist ein armer Mensch, der nichts will. Solange er noch einen Willen hat, mit dem er den Willen Gottes erfüllen will, und ein Verlangen nach Ewigkeit und Gott, solange ist er nicht arm. Der Mensch muss seines geschaffenen Willens so ledig sein, wie er's war, als er noch nicht war.

Dies verstehen manche Leute nicht richtig, Leute, die an Bußübungen und äußeren Übungen festhalten und damit an ihrem selbstischen Ich. Wegen ihrer guten Absicht mögen sie meinetwegen das Himmelreich erlangen. Wer jedoch glaubt, durch Innerlichkeit, Andacht, süße Verzückung oder besondere Gnade mehr von Gott zu bekommen als beim Herdfeuer oder im Stall, tut gerade so, als ob er Gott nähme, ihm einen Mantel um das Haupt wände und unter eine Bank schöbe. Denn wer Gott in einer bestimmten Weise sucht, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise verborgen ist.

Alle Liebe dieser Welt ist auf Eigenliebe gebaut. Würdet ihr aber in Demut die Eigenliebe lassen, so würdet ihr die ganze Welt loslassen. Vergesst alles, sogar den eigenen Leib. Wer das Seine sucht, findet Gott nie und nimmer.

 

 

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen; denn dies ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar. Wie ein Metall eine Flüssigkeit nur aufnehmen kann, wenn es sich zu einem Gefäß formt, oder Licht nur sichtbar wird, wenn es von einem Gegenstand reflektiert wird, so muss der Mensch der Wahrheit entsprechen, um sie aufnehmen zu können. Erst wenn die Vernunft völlig arm geworden ist, leergefegt von allem Vorwissen und frei von allen  Vorurteilen, ist sie für die Wahrheit in ihrer ganzen Einfachheit und Unbedingtheit empfänglich.

 

Damit geht Eckhart zum dritten Schwerpunkt seines Vortrags über der Gottesgeburt in der Seele.

 

Ich habe vor noch nicht langer Zeit einmal gesagt, dass der Vater seinen Sohn in der Seele in derselben Weise gebiert, wie er ihn in Ewigkeit gebiert und nicht anders. Er gebiert mich als sich und sich als mich und mich als sein Sein und als seine Natur, ohne jeden Unterschied. Der himmlische Vater ist mein Vater, denn ich bin sein Sohn und habe alles, was ich habe nur von ihm.

Bei dieser Geburt verhält es sich ähnlich, wie wenn Feuer das Holz entzündet und in Brand setzt. Das Feuer macht das Holz ganz fein und ihm selbst ungleich. Es nimmt ihm seine Grobheit, Kälte, Schwere und Wässrigkeit und macht das Holz sich selbst, dem Feuer, mehr und mehr gleich. Doch beruhigt, beschwichtigt oder begnügt sich weder Feuer noch Holz, bis dass das Feuer sich selbst in das Holz gebiert und ihm seine eigene Natur und sein eigenes Sein übermittelt, so dass alles ein Feuer ist, beiden gleich eigen, unterschiedslos ohne Mehr oder Weniger. Deshalb gibt es, bis es dahin kommt, immer ein Rauchen, Sich-Bekämpfen, Prasseln, Mühen und Streiten zwischen Feuer und Holz. Erst wenn alle Ungleichheit weggenommen und abgelegt ist, wird das Feuer still und schweigt das Holz.

Ebenso wie das Brennholz im Feuer brennt die Seele in Gott. Die Seele ist das an uns, was uns zu Menschen macht. Sie ist kein Ding, das sich aus mehreren Teilen zusammensetzt, Vielmehr sind in ihr alle Dinge aufbewahrt und brennen mit ihr im Feuer Gottes.

Alles, was die Seele betrifft, liegt völlig offen in ihr, aufgedeckt, entblößt. Alles, was noch in ihr ist, muss weg aus der Seele, bis sie völlig leer ist, leer auch von allen Gedanken. Liebst du Gott, wie er Gott ist, Geist, Person. Bild? Alles das muss weg! Liebe ihn, wie er ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht--Person, ein Nicht-Bild ist. Mehr noch, liebe ihn wie eine lautere reine, klare Eins, losgelöst von allen Unterschieden. Versinke in diesem Einen, springe vom Etwas ins Nichts.

 

 

Der kürzeste Weg zur Lauterkeit der Seele führet über die Abgeschiedenheit und Demut, ganz nach dem Vorbild Jesu Christi. Doch ist zu bemerken: Hätte Maria Gott nicht zuerst geistig geboten, er wäre nie leiblich in ihr geboren worden. Gott ist es lieber, von einer jeglichen guten Seele geistig geboren zu werden, als dass er von Maria leiblich geboren würde. Wir sind nicht adaptierte Kinder Gottes, sondern ganz und gar seine eigenen.

Das Verhältnis Gottes zu unserer Seele ist kein Verhältnis wie zwischen einem Herrn und seinem Knecht. Die Vereinigung Gottes mit dem demütigen Menschen geschieht vielmehr in einem innigen Kuss. Hier endet unser Geschaffensein und Gott beginnt zu sein, ein weiseloses Nichts, Verborgenheit, Finsternis, Stille, Wüste. Hier ist Gott nicht mehr Gott, hier ist er, der er ist.

Wer diese Predigt verstanden hat, dem vergönne ich sie wohl. Wäre hier niemand gewesen, ich hätte sie diesem Opferstocke predigen müssen.

 

Wer erkennt, was mit bloßen Augen nicht gesehen werden kann, der weiß, dass das, was ich gesagt habe, wahr ist. Wer davon aber nichts weiß, der lacht und spottet über mich. Alle wollen ewige Dinge schauen und empfinden und im Lichte der Ewigkeit  stehen, dabei flattert ihr Herz noch im Gestern und Morgen.

Wer sagt, dass man von großen und hohen Dingen nicht vor Ungelehrten sprechen und schreiben solle, also in der Sprache des Volkes, der soll mir bitte schön erklären, wie man Leute belehren soll, die nicht zur Schule gegangen sind. So lernt niemand, wie man liest, schreibt oder gar selber lehrt. Denn darum belehrt man die Ungelehrten, dass sie aus Ungelehrten zu Gelehrten werden. Gäbe es nichts Neues, so gäbe es nichts Altes. Wer gesund ist, bedarf keiner Arznei. Dazu ist der Arzt da, dass er die Kranken gesund macht.

Auch der heilige Johannes verkündet das Evangelium allen Gläubigen, auch den Ungläubigen, auf dass sie gläubig werden, und doch beginnt er das Evangelium mit dem Höchsten, das ein Mensch überhaupt von Gott auszusagen vermag. Und doch sind auch seine Worte falsch aufgefasst worden. Was kann ich dafür, dass das, was ich geäußert habe, nicht richtig verstanden wird? Wer das nicht erkennt, der klage seine Blindheit an, nicht mich, noch die göttliche Wahrheit.

 

Die Dinge sind Boten, die uns aus der Ewigkeit zuwinken. Wenn wir ihrem Winken folgen und uns um Gott bemühen, verhalten wir uns meist wie Kaufleute. Wir• hüten uns vor groben Sünden, wären gern gute Leute und tun gute Werke, fasten, wachen, beten und was es dergleichen gibt, alles Gott zu Ehren. Wir tun es, damit wir etwas dafür bekommen, was uns lieb und teuer ist. Wir handeln also genauso wie Kaufleute, die Gott suchen und doch allerlei nur an sich selbst denken. Doch Gott ist ihnen für ihre Werke nichts schuldig. Wehe dem Menschen, der das Winken lieb hat statt Gott selbst.

 

 

Die vernünftige Seele des Menschen ist von Natur aus, eine grenzenlos offene Möglichkeit, leer, ohne

und Eigenschaft Ein Nichts, in dem alles entstehen kann. In dieser unbegrenzten Freiheit ist die Seele das Spiegelbild Gottes. Der Freiheit nach sind sich Gott und die Seele gleich. Das ungeschaffene Licht scheint in die Offenheit der Seele hinein, spiegelt sich in ihr wider und gibt den Blick frei, über sich hinaus ins Unendliche. Die Seele steigt unermesslich hoch über sich selbst hinaus, in jedem Augenblick neu und bricht durch in ihr eignes Nichts.

 

Das Wissen, das der Mensch während seines Heranwachsens erwirbt, geht nicht verloren. Die Dinge zeigen sich, wie sie sind, und der Mensch benennt sie als das das, was sie sind. Durch sie hindurch aber erscheint das Geheimnis einer nie geahnten Wahrheit. Dieser Tisch zum Beispiel, wer dieses Stück Holz in diesem Sinne sieht, dem leuchtet das göttliche Licht entgegen.  Das Holz besteht zwar weiter, befindet sich zugleich jedoch auch in der Vernunft als Holz ohne die Eigenschaften des Holzes.

Wenn der Mensch die Welt betrachtet, steht ihm alles als Gegenstand vor Augen. Der Mensch selbst aber kann nicht Gegenstand einer Betrachtung werden. Er kann sich selbst nie und nimmer durch vernünftiges Denken einholen, denn das Licht, das sein Dasein erhellt, ist unerschaffen und unerschaffbar. Er kennt alle Dinge, sich selbst aber kennt er nicht. Die Seele ist kein Ding, ebenso, wie Gott kein Ding ist.

 

Liebe Freunde, ihr betrachtet und bewundert die Kathedrale unserer Stadt, warum bewundert ihr sie nicht in euch SeIbst?

Entzieht euch allen Dingen und schwingt euch mit unbekümmertem Herzen über euch selbst hinaus, über das Erkennen und die Vernunft, über euer Tun, welcher Art es auch immer sei, und über euer ganzes Sein, hinein in die verborgene Stille der Finsternis, so dass ihr zu einem Erkennen Gottes kommt, das über Gott hinaus reicht, in eine absolute Unbegreiflichkeit. Nur in der Aufgipfelung des Erkennens, das sich selbst negiert und ins Nichterkennen umschlägt, verweilt die Seele am göttlichen Feuer, umkreist es in wilder Jagd, geht schließlich in ihm auf und verbrennt. Wie Holz vom Feuer verzehrt wird und es zugleich am Brennen hält, so auch verbrennt die Seele im Feuer Gottes.

 

 

 

 

 

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